Eulenspiegels Enkel

Ein Solo-Theaterstück

Regie: Jan Burdinski

Text und Spiel: Markus Veith

Eine Produktion des Fränkischen Theatersommers

Inhalt

Erasmus hat ein seltsames Leiden: Nachdem er in seiner Kindheit jahrelang mit Gedichten gefüttert wurde, kann er nur noch und ausschließlich in Versen sprechen. Da alle Welt glaubt, er verulke sie mit seiner lyrischen Sprache, macht er aus der Not eine Tugend: Er zieht als moderner Eulenspiegel umher und spielt Streiche. Genau wie der berühmte Narr, hält er der Gesellschaft einen Spiegel vor und macht vor nichts Halt und nutzt alles, was die heutige Zeit ihm bietet, Einkaufszentren, Fast-Food-Restaurants, Bundeswehr, Internet und Fernsehen. Er führt die Menschen an der Nase herum, aber auch zu manch erkenntnisreichen Einsicht.
„Ich garantiere euch: Ich bin wirklich nur der größte Fan der menschlichen Natur.“


Bühnenanforderungen: ab 3m x 3m, Beleuchtung: einfach, weiß, keine Lichtwechsel.

Einen Ausschnitt des Stückes findet ihr hier: http://www.youtube.com/watch?v=Wk1_juKyl54&hd=1

Auch als Wohnzimmertheater machbar. Sprecht mich an.

 

Presse

WAZ – Oktober 2013 - Iserlohn-Letmathe
In bunt zusammengewürfelter Kleidung präsentierte sich M. Veith den Gästen als die im Hier und Jetzt lebende Figur Erasmus Odysseus, der seine Lebensgeschichte erzählte und sehr schnell sein Hauptmerkmal auf den Punkt brachte: 'Exakt am Morgen meiner Volljährigkeit begann für mich meine Leidenszeit: Ich erwachte und seit dieser Stunde kam nur noch Sprach-Harmonie aus meinem Munde.' Veith ging vollends in der Rolle des Erasmus Odysseus auf und schaffte es zudem, weitere Nebenfiguren einzigartig zu verkörpern. Sein schauspielerisches Talent äußerte sich nicht zuletzt in der unverwechselbaren Gestik und Mimik, die das Sprechen in Versen in ihrer Dynamik unterstützten. Anerkennung fand der Schauspieler schließlich vor allem auch für das freie Vortragen der Reime, was ihm problemlos gelang.


AZ – Juli 2013 – Essenheim
Im Weingut Wagner ist Markus Veith, Autor und Schauspieler aus Dortmund, schon längst keine unbekannte Größe mehr. Vor Jahren mit Kindertheater und im vergangenen Jahr mit seinem Wilhelm-Busch-Solo erfolgreich, trat er diesmal im Rahmen der „Hoffestspiele“ als „Eulenspiegels Enkel“ vors Publikum.
Wiederum ein Solostück, das aus Veiths Feder stammt und von ihm mit Verve gespielt wird. Von Anfang bis Ende in Reimform, macht sich Veith mit bissigem Humor über die Eigentümlichkeiten seiner – und unserer – Zeitgenossen her und bleibt zwei Stunden lang als „Erasmus Odysseus“ auf der Bühne präsent. Dessen Lebensgeschichte packt Veith in komödiantischer Spiellaune vor dem Publikum aus und wendet sich philosophisch sinnierend einer neuen Spielwiese, dem Internet, zu. „Wenn etwas ist, dann muss es auch bei Google erscheinen“, spielt er mit Flüstertüte bewaffnet „Facebook live“ und gibt mit seiner (imaginären) Partnerin Mina den entlarvenden Narren alltäglicher Spießigkeit.
Dann ein Blick des Narren in die Zukunft – der Zerrspiegel, den er der Gesellschaft vorhielt, scheint blind geworden, versunken im TV-Sumpf von Politik, Werbung und Beliebigkeiten. Der Narr wird ungewollt zum Helden, kann alles sagen – und wer’s hört, der applaudiert und fühlt sich nicht gemeint.
„Das ist bestes komödiantisches Handwerk – das ist großartig“, kamen spontane Reaktionen aus dem Zuschauerkreis, als Markus Veith nach zweistündigem Reim-Marathon den verdienten Applaus auf den Bühnenbrettern in Empfang nahm. Mit seiner Art der Darstellung und Rezitation hatte er bewiesen, dass Reime auch heute noch durchaus geeignet sind, ein ganzes Stück zu tragen. Auch oder gerade dann, wenn es um die moderne Umsetzung eines uralten Themas geht: den Menschen einen Spiegel vorzuhalten. Wie Veith dies in die Zeit moderner Kommunikation transferiert hat, darüber hätte auch Eulenspiegel sich diebisch gefreut. Gisela Zurmühlen

 

 

Obermain-Tageblatt - Mai 2013
Reime in Serie bei „Eulenspiegels Enkel“ im Brückentheater. Mit Rilke im Bett: M. Veith hat die Geschichte um Eulenspiegels Enkel in Reimform gepackt.
Die Geschichte kennt Till Eulenspiegel als einen Zeitgenossen, der vor über 700 Jahren der Obrigkeit und dem einfachen Volk manchen Streich spielte. Ein Narr, der seinen Mitmenschen an Geisteskraft, Durchblick und Witz überlegen war. Welche Streiche würden seine Enkel wohl heute am Beginn des 21. Jahrhunderts ihren Zeitgenossen spielen? Welche Rolle würden die neuen Kommunikationsmöglichkeiten wie Internet, Facebook und Twitter spielen?
Darüber hat sich der Schauspieler und Autor Markus Veith so seine Gedanken gemacht. In nur drei Monaten sind 100 Seiten gereimter Text entstanden, die er unter dem Titel „Eulenspiegels Enkel“ als Buch veröffentlicht hat. Daneben ist auch ein Solo-Theaterstück entstanden, das am Donnerstagabend im Brückentheater in Bad Staffelstein eine viel beachtete Premiere feierte.
Veith hat seine Geschichte in ein Versmaß gepackt, mit der entsprechenden Betonung. Vor dem Hintergrund stellt sich die Frage, wie unterhaltsam können Reime sein und taugen sie auch zum Transport einer komplexen Geschichte?
„Ich wäre lieber zu Bett ohne Abendessen, als mir zeilenweise Rilke in den Kopf zu pressen. Vogelweide und Ringelnatz fluteten meinen Silbenschatz.“ Beides lässt sich unbedingt bejahen. Markus Veith nimmt der altmodischen Reimform das allzu Sperrige und transportiert damit auch ein stückweit Gesellschaftskritik. „Sie haben uns nicht nur zum Lachen, sondern auch zum Nachdenken gebracht“, gesteht am Schluss eine Besucherin.
Veith reimt über knapp zwei Stunden, was das Zeug hält. Eulenspiegel hätte es sicher gefreut. „Nun schaut schon weg“, lautet der erste Satz, nachdem er mit Plastiktüten bepackt die kleine Bühne des Brückentheaters betritt und sich teilweise entkleidet. Was sich in den Tüten befindet, auch das ist in einen Zweizeiler zu erfahren. „Was dem Zeitgeist nicht mehr zugemütet, wird rot bekreuzt und eingetütet“. Aha, Altkleider. Mit einer Reihe nicht zusammenpassender Kleidungsstücke wird aus dem Schauspieler Erasmus. Ein Knabe, der an einem seltsamen Leiden leitet. Seiner Umwelt kann er sich nur reimend mitteilen. Schuld sind die Eltern.
Schon allein die Suche nach einem Namen gestaltete sich alles andere als einfach: „Tante Ruth, die ein Fan großer Kunst war, schlug Leonardo vor und Mona Lisa. Onkel Klaus, Belletristiker, fügte hinzu: Galadriel, wahlweise Winnetou. Die bibelkundige Cousine Bea fand Bathseba sehr schön, oder Hosea. Schwager Willi, Shakespeare-Experte, pochte auf Hippolyta oder Laertes.“ Schließlich einigte man sich auf Erasmus Odysseus.
Wie gesagt die Eltern waren Schuld, dass sich Erasmus seiner Umwelt nur reimend mitteilen konnte. Statt einer Strafe gab es Gedichte zum auswendig lernen. „Ich wäre lieber zu Bett ohne Abendessen, als mir zeilenweise Rilke in den Kopf zu pressen. Vogelweide und Ringelnatz fluteten meinen Silbenschatz.“ Auch im Erwachsenenalter wird es nicht besser und Erasmus tritt die Flucht nach vorne an. Nichts ist mehr vor seinen Späßen sicher. Markus Veith leistet großartiges, schauspielerisch wie physisch. In der Szene am Autoschalter eines Fast-Food-Restaurants (ohne Auto – doch mit sämtlichem Gebaren) wechselt er reimend von vorfahren, halten, Scheibe runter, rauslehnen zwischen den Figuren: Von Erasmus über Mina zur Verkäuferin und wieder zurück.
Mina wird im Verlauf der Handlung seine Lebensgefährtin. Beklemmend wird die Macht sozialer Netzwerke deutlich und wie der Zuschauer in Werbeeinspielungen hinters Licht geführt wird. Nachdenklich macht auch Minas Final-Streich, der gewisse Erinnerungen an die Loveparade in Duisburg weckt. M. Veith hat am Donnerstagabend eine großartige Vorstellung im Brückentheater gegeben, die mit viel Applaus bedacht wurde. Sein kleiner Patzer am Anfang – er hatte schlicht den Text vergessen und musste kurz hinter den Vorhang – verzieh das Publikum gerne. Im Gegenteil: „Das müssen sie in ihr Stück aufnehmen“, wünschte sich eine Zuschauerin. Die Übrigen pflichteten ihr applaudierend bei. Gerda Völk

Ruhr-Nachrichten – Februar 2013 – Dortmund
… Redegewandt und mit angenehmer Kumpel-Attitüde nahm Veith der altmodischen Reimform das Sperrige. Mit oft gedrechselten Versen kitzelte er die Pointen ins kichernde Publikum ...

Editoriales:

Ich hätte damit rechnen sollen: Nachdem mein Wilhelm-Busch-Solo "Ein jeder Narr tut was er will" zwei Saisons beim Fränkischen Theatersommer (für den es auch inszeniert worden war) ziemlich gut lief und auch außerhalb von Franken und NRW seine Lorbeeren sammeln durfte, sagte mir mein Intendant und Regisseur Jan Burdinski im Mai 2012, ich solle für den FTS im Folgejahr ein neues Solo entwickeln. "Lass dir mal was einfallen. Mach mir ein Konzept. Ich würde wieder Regie führen."

Nun, bereits verfasste Texte eines Autoren wie Wilhelm Busch für ein Theaterstück zu bearbeiten ist die eine Sache. Sich ein komplett neues Stück aus dem Hirn zu wringen, gezielt als Solo, in dem also auch die möglichst spannende Handlung allein bestritten, erzählt, gespielt werden muss, natürlich auch alles mit möglichst preisgünstigem Equipment und tour-gerecht ... das ist schon eine andere Sache. Erst recht, wenn es sich quasi um einen Auftrag handelt, ohne erste Idee und der Zeitvorgabe: bis Jahresende sollte es fertig geschrieben sein. Da erscheinen sieben Monate plötzlich erschreckend kurz und es folgt eine Phase verzweifelter Ideenlosigkeit. Ich entschloss mich, strategischer vorzugehen.

Das Busch-Solo lief (und läuft) doch gut. Was gab es also an diesem Stück, was es erfolgreich machte und was man problemlos auch auf eine andere Produktion anwenden konnte, ohne die Parallelen allzu präsent zu machen? Simples-Fahrwasser-Prinzip: Es müsste – wie das Busch-Solo – komplett in gereimter Sprache sein, denn das hebt es von anderen modernen Stücken ab. Zunächst kam da der Gedanke, dass der Protagonist wegen eines Zwanges, eines psychologischen Ticks nur noch in Versen sprechen kann und mir vielen dazu auch gleich einige kleine, daraus resultierende Handlungsstränge ein. Jan war davon schon begeistert. Doch mir reichte das noch nicht ... Könnte das Stück – ebenso wie beim Busch-Solo – nicht eine historische Gestalt behandeln oder thematisieren, die möglichst jeder kennt?

Es ist schon vier, fünf Jahre her, da führte mich eine Kindertheater-Tournee nach Mölln. Und obwohl ich – es war nach einem Auftritt – ziemlich erschöpft war, überredete mich mein Kollege, die ‚Eulenspiegel-Stadt‘ zu besichtigen und, wo wir doch schon mal da waren, auch das Grab des berühmten Streiche-Spielers zu besuchen. Wie ich also auf dem Kirchenhügel stand, wo sich auch die (angebliche) Ruhestätte Eulenspiegels befindet, schaute ich über die Häuser und die vielen dort montierten Parabolspiegel und kam auf den Gedanken, dass Till heute womöglich keine Schuhe auf dem Hochseil, sondern die Kabel der TV-Konsumenten verknüpfen würde, um damit heilloses Chaos zu stiften. Die Idee gefiel mir und ich besorgte mir im Museum eine Studien-/Gesamtausgabe der Eulenspiegel-Historien. Daheim verfasste ich eine Notiz und ließ sie, inklusive Buch, wie so viele Ideen und Konzepte erst mal in meiner Schreibtischschublade verschwinden. – Es ist gut, solchen Ideen Zeit zum Reifen zu gönnen …

So erinnerte ich mich an dieses alte Eulenspiegel-Konzept, kramte es aus der Schublade, entstaubte es und empfand es als höchst trefflich. Nun endlich las ich jene Studienausgabe und gelangte zu der Überzeugung, dass es nur richtig sein konnte, den Eulenspiegel in die heutige Zeit zu verlegen, denn die fast hundert Streiche des Volks-Narren beinhalten deftigen und durchaus brutal-bösartigen (Fäkal-)Humor, der im Mittelalter die Leute sicher lachen ließ, heute aber nur noch Ekel oder aber Schulterzucken hervorbrächte. Mich verwunderte es, wie die Figur inzwischen kinderbuch-verklärt worden ist. Davon abgesehen merkte ich aber auch den fulminanten Vorteil, dass Till durch ganz Deutschland gezogen und somit wirklich überall bekannt ist. Das könnte für die Akquise, so sagte ich mir, von enormen Vorteil sein.

Ich trug also weitere Ideen zusammen: Erzählungen von Freunden und Bekannten, die ich in meinem 'blauen Buch' (in dem ich sämtliche Ideen-Fragmente sammle) fand und als Streiche nutzen konnte; ich sah mir auf YouTube alles an, was der Filmchen-Speicher zu Begriffen wie 'Streich', 'Verarsche', etc. hergab; und ich spickte die immer üppiger werdende Sammlung natürlich mit Begebenheiten aus meiner eigenen Vita. Die Theatersommer- Saison '12 ging dem Ende zu und ich hatte die Freizeit zwischen den Auftritten genutzt, eine umfangreiche Konzept-Datei anzulegen, auch schon einen Anfang zu reimen und im gut bestückten Kostüm-Fundus Textilien zu sammeln, die in ihrer Kombination jedes Auge quälen. Ich besprach mit Jan die Konzeption und er zeigte sich überzeugt und gab mir grünes Licht.

Nun kam es allerdings so, dass mir für den anstehenden Winter ein Engagement wegbrach und mir plötzlich ein ungewohntes Maß an Zeit zur Verfügung stand. (Mal abgesehen von der kleinen Panik, wie ich ohne dieses Engagement über die Winter- und Frühlingsmonate kommen sollte.) Die Zeit musste also zumindest für etwas anderes gut genutzt werden. Also stürzte ich mich nicht nur in die Akquise, sondern beschloss auch, zumal angesichts der Menge an Stoff, die sich mittlerweile für "Eulenspiegels Enkel" angesammelt hatte, die Story nicht nur als Theaterstück, sondern gleich als ganzes Buch zu schreiben. Ich dichtete also was das Zeug hielt und schaffte es tatsächlich bis Weihnachten, eine erste Fassung zu vollenden, die ich Jan und einigen Test-Lesern, aber auch dem OCM-Verlag vorlegen konnte. Die Reaktionen waren sagenhaft. Als ich mich mit Jan nach Weihnachten zur Stück-Besprechung in Franken traf und wir uns stundenlang im schönen Wittelsbacher Hof bei viel Kaffee daranmachten, die hundert Skript-Seiten immerhin auf sechzig Seiten zu kürzen, lachten, vielmehr giggelten wir in der Gasthof-Sitzecke wie Pubertierende über die gereimten Streiche. Ich bekam auch Lob von allen anderen Seiten, sowohl für die Geschichte, als auch die gereimte Mach-Art, was mich - so paradox es klingen mag - mehr verunsicherte, als wenn ich Kritik erhalten hätte. Also organisierte ich für Anfang Februar eine (Benefiz-)Test-Lesung für die Dortmunder Obdachlosen-Zeitung BoDo, die ebenfalls enorm gute Resonanzen ergab. OCM sagte mir die Veröffentlichung im Handel zu. Wahnsinn! Erasmus Odysseus schien unaufhaltsam in Spurt zu geraten.

Ich machte mich ans Auswendiglernen. Und bemerkte, dass es weitaus schwieriger ist, sich einen selbst geschriebenen, zudem rhythmisch gereimten Text in den Kopf zu bannen, als einen 'festen' von einem anderen Autoren, denn ich kaute jede Zeile immer und immer wieder durch, änderte sie Dutzende Male, strich, erweiterte, bis ich endlich mit dem Text zufrieden war. In dieser Zeit traf ich mich auch mit meinen Leutchen von OCM zur Endkorrektur und brachte sie mit meinen nicht enden wollenden Änderungen (in meinen Augen natürlich Verbesserungen) schier zur Verzweiflung. Hinzu kam, dass ich wusste, dass der Text als Stück immer noch viel zu lang war und ich keine Ahnung hatte, wie es auf sinnvollste Weise zu kürzen wäre, dass ich somit viel Textmasse auswendig lernte, die später wahrscheinlich noch dem Rotstift zum Opfer fallen musste.

Ende März begannen endlich die Proben mit Jan und ich war mit dem Einpauken trotz selbstständiger Kürzungen immer noch nicht fertig. Mir fehlten noch etwa 15 Seiten, die ich bei langen Spaziergängen durch die weiterhin kalte, schneebedeckte fränkische Schweiz vor mich hinbrabbelte. Den ersten Akt hatten wir aber recht schnell fertig, ich strich mir mindestens zehn Seiten bereits gelernten Text wieder aus dem Kopf und irgendwann hatte ich die Fassung im Kopf, die wir als letztendliche entschieden hatten. An jenem Abend, als ich mir die letzten noch fehlenden Verse eintrichterte, gönnte ich mir eine gute Flasche Wein. Doch tags darauf brachte Jan mich an den Rand der Verzweiflung: Seiner Meinung nach fehlte Minas Final-Streich noch der gewisse Pfiff. So muss sich ein Architekt fühlen, wenn er, obwohl das Projekt schon in Bau ist, zurück ans Reißbrett muss. Wir haben den zweiten Akt nochmals gekürzt und um eine Passage erweitert. Doch letztendlich muss ich gestehen: Es ist wirklich besser geworden. Zumal die Situation, wie es zu der neuen Szene kam, nahezu anekdotenreif ist: Wir grübelten lange, schon spät am Abend, wie es Mina bei ihrem Meisterstreich gegen Ende des Stückes schaffen könnte, nicht auf die bisherige Weise (durch spießbürgerliche, kleine Impulse) ein unglaubliches Chaos anzuzetteln, sondern in anderer Form auch ihre gesellschaftliche Courage herauszukitzeln. Dann kam ich endlich drauf: „Sie organisiert einen Flashmob!“ Ich musste Jan auf YouTube zeigen, um was es sich dabei eigentlich handelte, aber dann war er begeistert wie ein kleiner Junge. Also: Anderntags wieder an die Tastatur, Ergebnis von Jan (und auch einigen Kollegen, die gleich zum Austesten hinzugezogen wurden) für „jetzt ist es gut“ befinden lassen und wieder (nachdem ich endlich gedacht hatte, ich hätte den Text endlich im Kopf) auf die Textlern-Piste rund um Schloss Oberaufseß.

Nun war das Buch aber zu diesem Zeitpunkt bereits in Druck. Somit hat "Eulenspiegels Enkel" die, wie ich inzwischen denke, witzige Eigenart, dass das Stück einen um vieles anders gearteten Schluss hat als das Buch.

Mit väterlich-stolzer Freude durfte ich am 26. April mein neuestes Baby mit einer gelungenen Buchpremiere zu seinen ersten Schritten in die Welt hinaus schicken. Es ist ein wirklich properes Büchlein geworden, 137 Seiten lang. Ich bin im höchsten Maße zufrieden mit dem Ergebnis. Die offizielle Premiere im Vino an der B1 war wirklich schön und schon die Lokation an sich stellte sich als ein echter Glücksgriff heraus. An dieser Stelle nochmals Dank an Herrn Cherifi, der mit so viel Freude und Bereitschaft den Abend mit ermöglichte. Die mit Wein und Snacks bewirteten Gäste bzw. Zuhörer waren zufrieden, meine kleine Verlag-Familie war zufrieden, ich sowieso, war toll.

Und am 09. Mai 2013 erblickte auch das Theaterstück das Bühnenlicht der Welt im schönen Brückentheater im Kurpark in Bad Staffelstein - schon immer einer meiner Lieblings-Spielorte hier in Franken. Wie immer dort recht gut besucht, wie immer dort war das Publikum entzückend und die Atmosphäre sehr intim. So intim, dass ein Marder sich über den Winter den bedachten Ort als Quartier erwählt und es sich im Gebälk und vor allem in den Vorhängen gemütlich gemacht hatte. Als wir bei unserer Ankunft die Türen öffneten, preschte er fluchtartig unter den Stühlen hinweg und hinterließ uns Häufchen und angenagten Stoffe. Diese Hinterlassenschaften zu beseitigen oder in Ordnung zu bringen ist keine Tätigkeit, die ein lampenfiebrig flirrendes Schauspieler-Gemüt kurz vor einer Solo-Premiere zu beruhigen vermag. Doch wie auch immer: Im Nachhinein auf diese erste Aufführung mit meinem neuen Baby angesprochen, antworte ich wahrheitsgemäß: Es war nicht perfekt, dennoch gut. Ersteres deshalb, weil ich im ersten Teil einen hübschen Black-out hatte. Vielleicht für, keine Ahnung, 20 Sekunden. Klingt kurz, aber sie kamen wie Stunden vor, zumal ich irgendwann merkte: Ich weiß nicht mal mehr den Satz, den ich zuletzt sagte. Zum Glück hatte ich mir mein Textbuch hinter den Vorhang gelegt. Ich will nicht sagen 'in weiser Voraussicht', denn Ziel wäre es natürlich gewesen, es nicht zu benutzen. (Beim Busch-Solo hatte ich es die ersten 15 Auftritte da liegen und habe es nie verwenden müssen.) Also äußerte ich mit dem unschuldigsten Grinsen, das ich aufzubieten vermochte so etwas wie: "Nee, Leute, tut mir leid, ich schau mal grad in den Text und dann geht's weiter" und das Publikum ... lachte und applaudierte herzlich. Ich schaute nach, fand die Stelle sofort, machte weiter und für den Rest des Stückes blieb mir die Misere erspart. Und was soll ich sagen: Anschließend meinten etliche Zuschauer, ich solle das doch bei jeder Aufführung so machen, das wirke so nett menschlich. Das soll noch einer verstehen.

Mit Black-outs ist das so eine Sache, die ich gerne differenziere, ohne mich dafür entschuldigen zu wollen. Grundsätzlich kann es natürlich jedem in jeder Aufführung passieren, denn es ist nur allzu menschlich. Die Frage ist, wie geht man damit um, wenn es passiert. Hier unterscheide ich gerne Ensemble- von Solo-Stücken. Bei ersteren sind immerhin noch Kollegen vor und hinter der Bühne, die einen im Ernstfall und sofern machbar aus dem Gedächtnisloch raushelfen können. Bei einem Solo ist man, wie der Name schon sagt, komplett auf sich allein gestellt. Außerdem möchte ich erinnern, dass der "Eulenspiegel" ja in Reimform ist. Bei Prosa-Sprache kann man sich noch irgendwie heraus wurschteln. Hiernun muss ich mir selbst vorwerfen, dass ich ein wenig zu lange gewartet und nach dem verlorenen Text in meinem Hirn gesucht habe und hielt letztendlich Offenheit für die beste, womöglich einzige Rettung. Zumal ich, seit ich das Busch-Solo spiele, bei nahezu jeder Vorführung gefragt werde: Wie kann man sich nur so viel Text merken? Einerseits ist diese Frage auf Dauer etwas nervig, andererseits ergibt sich daraus eine gewisse Entschuldbarkeit. Gemessen an der Menge von teils komplizierten und flüssig hervorgebrachtem Text. erscheint es dem Publikum nur nachvollziehbar, wenn der Fluss dann irgendwo mal hakelt. Manchmal habe ich gar das Gefühl, dass die Zuschauer darauf warten, ja, hoffen, dass es passiert, denn es nimmt dem Ganzen das allgemeine Empfinden des Unerklärlichen. Blöd wird es nur dann, wenn es öfter vorkommt oder gar absichtlich eingebracht wird. Das sollte und darf nicht sein.

Doch wie auch immer: Langanhaltender Applaus am Ende, viel Lob und ein toller Presseartikel waren trotz des kleinen Fauxpas' das Ergebnis. Was will ich mehr? --- Na ja, eigentlich will ich noch viel, viel mehr. Doch der Anfang ist getan ...

Das Buch ist für 10,- € sowohl über den Buchhandel (ISBN 978-3-942672-15-3), als natürlich auch direkt beim OCM-Verlag zu erwerben (www.ocm-gmbh.de/htdocs/all/aktuelles.htm)

 

Hier ein kleiner Ausschnitt von einem Auftritt in Tüchersfeld:     www.youtube.com/watch?v=IUsRB7hLhvg&hd=1

 

Und noch ein kleiner Leckerbissen - Wie das Buch entstanden ist, dazu gibt es von meinem Freund und Kollegen Martin Staszak ein Filmchen:

www.youtube.com/watch?v=IUsRB7hLhvg&hd=1

Fotos von Thomas Pläßer, von der Aufführung in der Dortmunder Schauburg, Oktober 2013


Auszüge:

 

„Ich wäre lieber zu Bett ohne Abendessen,
als mir zeilenweise Rilke in den Kopf zu pressen.
Vogelweide und Ringelnatz
fluteten meinen Silbenschatz.
Mit Kellers Gottfried und Kästners Erich
wurde ich Metrum- und Versmaß-fähig.
Erträglich war'n nur Roth und Morgenstern,
Wilhelm Busch, Heinz Erhard, doch, die hatt' ich gern.
Aber Goethe und Schiller?! Sie lehrten mich hassen.
Lessing! Borchert! Nicht zu erfassen.
Tucholsky! Verzeihung, aber auch als Peter Panter
wurde er für mich nicht viel interessanter.
Fried, Novalis, Hermann Hesse.
Sie wucherten im Hirn wie Gartenkresse.
Hölderlin, Hoffmannsthal, Uhland und
Büchner, Brentano, Wedekind, Klabund.
Sie reimten mir alle Nerven wund.
Ich zitierte mir einen Fusselmund.
Von Brecht wurd mir schlecht.
Althaus: ein Graus!
Jandl Geschandl
und Hebbel Geschnebbel ...
– Doch ich lernte die Texte. Denn, so das Gebot,
sonst drohte viel Schlimmeres: Fernsehverbot!
Was für mich noch quälender war.
Ich brauchte meine Tagesdosis Babapapa.
Ich lernte Löns, um Löwenzahn zu sehen.
Und für Kleist sollte mir Captain Future entgehen?
Nein. Grillparzer konnte ich aus dem effeff,
erst danach gab's Enterprise, sechs Uhr, ZDF.
Meine Eltern jubelten. "Welch ein Triumph!
Für nur eine Folge Lederstrumpf
paukt er ein ganzes Shakespeare-Sonett."
Na klar. Kam ich ins Stocken, musst' ich früher zu Bett.
All das richtete einen Schaden an,
den ich kaum bemessen kann.
Welchen? – Fragt ihr euch nicht, warum ich so spreche,
weshalb ich so blumig radebreche?

Exakt am Tag meiner Volljährigkeit
begann für mich meine Leidenszeit:
Ich erwachte und seit dieser Stunde
kam nur noch Sprach-Hamonie aus meinem Munde.
Es bog mir den Verstand schier krumm.
Ich kam ums Reimen nicht mehr rum.
Was auch immer ich fortan sprach aus,
es lief auf die gleiche Silbe hinaus.
Was ich seit diesem Tage geschwätzt,
mir unerbittlich mein Leben verätzt.
Denn natürlich meinte zunächst jedermann,
dass mein Verhalten nur Unfug sein kann.
Meinen Eltern wurd es erst angst und bang,
als ich nicht stoppen konnte den lyrischen Zwang:
„Ach bitte, Junge, nun lass den Mist.“
„Wenn es“, so heult ich, „doch nicht zu lassen ist!
Selbst wenn ich mich noch so konzentrier',
s'kommt ein Reim raus, ganz so wie hier.“

Ein nettes Amüsement zum Beispiel erfährt

wer in einem McDrive vorfährt,

- ohne Auto - doch mit sämtlichen Gebaren

als würde man mit einem Wagen vorfahren.

Quietschenden Reifens man an der Anlage hält

und dann nach Aufforderung wie gewohnt bestellt.

(vorfahren, halten, Scheibe runter, rauslehnen, etc. Im Wechsel: Erasmus, Mina, Verkäuferin)

V: „Guten Tag, was darf's denn sein?“

E: „Tag. – (zu Mina) Was möchtest du, mein Engelein?“

M: „Für mich bitte das Menu Nummro vier.“

E: „Menu Nummer vier. Haben Sie denn eins hier?“

V: „Natürlich. Äh, welches nun? Drei oder eins?“

E: „Sowohl als auch. Drei für sie, eins ist meins.“

V: „Äh, gut. Und dazu welches Getränk?“

E: „Milch wäre prima, wie ich denk.“

V: „Milch? Die haben wir nicht.“ - M: „Wie? Auch nicht für Kaffee?“

V: „Doch, aber nur in Pöttchen.“ - E: „Ah, Sie lernen noch, wie ich seh.“

M: „Dazu zwei Strohhalme, bitte, extra lang.“

E: „Und einen Becher Frittierfett, das macht so schön schlank.

Und wenn Sie haben, dann noch einen BicMac.

Aber lassen Sie die Frikadellen draus weg.

Und auch das Gürkchen, den Käs und die Soße.

Meine Frau mag es nicht, wenn ich aufstoße.“

M: „Packen Sie es uns ein, das wäre nett, bitte sehr.“

E: „Ja, mit dreißig Servietten. Wir haben daheim keine mehr.“

Oft kam dann noch gemurmelt ungenau:

„Verarschen kann ich mich alleine.“

„Na, wenn Sie das sagen, junge Frau.

Wir machen uns dann mal auf die Beine.“