2014

Fränkischer Theatersommer 2014

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Neuinszenierungen:

"DER ZERBROCHENE KRUG" Ensemble-Stück von H. v. Kleist

meine Rolle: Gerichtsschreiber Licht

Dorfrichter Adam spricht Recht in einem kleinen Dorf, wo sein Wort Gesetz ist. Jetzt soll er einen besonderen Fall klären: Marthe Rull hat mitten in der Nacht einen fremden Mann im Zimmer ihrer Tochter überrascht. Der Flüchtige sprang durch das Fenster und zerbrach dabei einen Krug. Marthe Rull hat den Bräutigam ihrer Tochter im Verdacht. Mit gewieften Verschleierungstaktiken und unlauteren Verhörmethoden setzt Dorfrichter Adam allen Eifer daran, mehr Dunkel als Licht in den Fall zu bringen. Denn: Er sitzt über sich selbst zu Gericht. -- Wie Wahrheit zur Lüge degradiert werden kann oder umgekehrt - wie Lüge öffentlich zur Wahrheit erklärt wird, das kann man sicher im politischen Alltag studieren oder höchst vergnüglich in der berühmten Komödie von Heinrich Kleist.


Meine Spielpartner: Stephan Bach, Benjamin Bochmann, Ingrit Gabriel, Heidi Lehnert, Kirsten Annika Lange, Laura Mann, Alexander Voß

 

 

"ZWEI WAAGERECHT"

Zwei-Personen-Stück; eine ‚Rätsel‘-hafte ungewöhnliche Liebesromanze

meine Rolle Rolle: Josh

meine Spielpartnerin: Laura Mann

Regie: Jan Burdinski


Zwei äußerlich solide, aber innerlich vereinsamte Menschen, ein Mann und eine Frau, begegnen sich im leeren Zugabteil. Beide haben genug Schutzwälle um sich herum errichtet, doch die Vorliebe beider für Kreuzworträtsel bringt sie zaghaft miteinander ins Gespräch. Je mehr Rätsel gelöst werden, um so flüssiger wird das Gespräch und um so mehr Einblicke hinter die Fassaden werden gestattet - mit ungeahnten Folgen.

 

Editoriales:

 

Die Proben zu „Zwei waagerecht“ verliefen von Anfang an prima und ich bin im höchsten Maße begeistert von meiner neuen Kollegin und Spielpartnerin Laura Mann. Ich habe noch nie eine Schauspielerin erlebt, die eine solch enorme Bankbreite (und Rollentiefe) zu spielen versteht, und dabei im Spiel diese Natürlichkeit bewahrt. Es tut mir fast leid, „Zwei waagerecht“ immer 'nur' als Kammerspiel zu bezeichnen. Das IST es, durchaus; es spielt in einem Zugabteil und man kann sagen, wir machen nichts anderes als Kreuzworträtsel lösen und miteinander reden. Dennoch ist das Stück (nicht nur gut geschrieben, sondern auch) so intim und nah, eine so schöne, dichte Story geworden, an sich bescheiden, aber mit ungeheurer Tiefe, dass es – davon bin ich überzeugt, mehr bannen wird, als manche dramatische Groß-Produktion mit viel Zinnober. Jan, der Regie führt, meint aber auch, dass die Chemie zwischen uns einfach stimme, auch, weil wir beide ein Faible für 'kleines, feines Spiel' haben. Dem will ich nicht widersprechen.

Nach den Proben (ohne Testpublikum) fragten wir uns allerdings durchaus: Wer wird darüber lachen?, denn selbst bemerkt man das Potenzial der Pointen nicht mehr. Wir rechneten zwar damit, dass das Stück funktionieren würde, aber mit den Reaktionen, die sich uns dann bei der Premiere offenbarten, haben wir nicht gerechnet. Es war großartig; die Leute klatschen extrem lange. Selbst der Feuilletonist stand auf und rief 'Bravo'. Wow! Gleich 2 Tage später der nächste Auftritt in Aufseß. Wegen eines wirklich blödsinnigen logischen Denkfehlers meinerseits standen wir dort vor dem Dilemma: Die (von mir) zwei georderten Bühnenplatten reichen nicht für unseren Bühnenaufbau. Drum an dieser Stelle nochmals Dank an Herrn Roth, der uns 'mal eben' mit Brettern auf Bierkästen (!) eine Bühnenerweiterung gezimmert hat. Wurde ebenso eine tolle Aufführung vor recht vollem Haus. Jau, das Stück macht richtig Spaß! Und nebenbei, es ist dieses Jahr das einzige, bei dem ich nicht ins Schwitzen gerate.

Presse:

Liebesgeschichte im Zugabteil rührte die Zuschauer
25.03.15 - Bad Rehburg - (…) Zwei kommen miteinander ins Gespräch über dem Lösen von Kreuzworträtseln. Jeder zunächst für sich allein, nach und nach immer mehr gemeinsam. 90 Minuten dauert die Zugfahrt und 90 Minuten brauchen Janet und Joshua, um ihr Leben, ihre Lieben, ihre Sorgen und ihre Freuden voreinander auszubreiten. Um sich kennen zu lernen. Um jeder für sich zu erkennen, weshalb manches in ihrem eigenen Leben nicht so läuft, wie sie es sich erhoffen. Um Einsichten zu gewinnen., was sie ändern könnten. Um die Veränderung herbeizuführen. Und um sich dabei in den jeweils anderen zu verlieben.
Eine kleine Liebesgeschichte haben Laura Mann und Markus Veith auf die Bühne gebracht. Anrührend ist sie. Manchmal reizt sie zum Kichern. Dann wieder dazu, herzhaft zu lachen. Und poetisch, ja, poetisch ist sie auch. Schön ist es überdies, den beiden Schauspielern zuzuhören, sie agieren zu sehen, zu erleben, wie sie ihre Geschichte dort auf der Bühne entfächern.
Mit Lachen, mit ein wenig Wehmut und mit Lyrik im Ohr, die noch nachklingt, sind die Zuschauer gegangen, in dem Gefühl, einen lohnenden Abend erlebt zu haben.
Beate Ney-Janssen für 'Die Harke'

 


"FAUST - der Tragödie erster Teil"
Ensemble-Stück von J. W. v. Goethe

meine Rolle: Faust

Auf dem Thespiskarren zeigt unser Ensemble die große Geschichte vom Gelehrten, welcher mehr von der Welt will, als er bis dato darin sah, und sich in seinem Sinneshunger auf den Pakt mit dem Teufel einlässt - verknüpft mit der Tragödie des Gretchens, die ihm durch ihre Erscheinung die Liebe ins Herz schleudert.

Nordbayerischer Kurier, Juli 2013: „...zumal sich Jan Burdinski ein hehres Ziel gesetzt hat: leicht soll er daher kommen, dieser Faust, und doch tief in die Abgründe menschlicher Seelen blicken lassen. Und das in zwei Stunden. Den Schauspielern gelingt der Parforceritt vom Himmel durchs irdische Dasein ins Höllenreich vortrefflich. … Uralte Menschheitsfragen, Sehnsüchte und Ränkespiele. Das ganze Leben auf der Bühne. Chapeau!“

Meine Spielpartner: Stephan Bach, Benjamin Bochmann, Maria Albu, Jan Burdinski, Kirsten Annika Lange, Eike Domroes, Laura Mann, Alexander Voß

Editoriales:

Wir spielten das Stück bereits 2013. Jan spielte den Mephisto, Peter den Faust. Mir fielen in der ersten Saison die Rollen des Wagner und des Frosch (einer der Saufköppe in Auerbachs Keller) zu und diverse (noch) kleinere Röllchen. Damit war ich zufrieden, denn ich hatte für meine Gage nicht viel zu tun und in der nur zweiwöchigen Probenzeit keinen allzu großen Stress. Doch am Ende des Sommers zeichnete sich ab, dass es für 2014 etliche Umbesetzungen geben würde, da vier Schauspieler neue Wege einschlagen wollten. Unter anderem unser Faust-Darsteller. Jan fragte mich, ob ich dann die Rolle übernehmen wolle.

Selbst wenn die Alternative ist, in einer Wiederaufnahme mit denselben Rollen eine ruhige Kugel schieben zu können: Zu einem Faust sagt man einfach nicht Nein. Der macht sich schon allein verdammt gut in der Vita. Ich habe immer gesagt, dass es natürlich toll ist, die Titelfigur eines Stückes zu spielen, besonders dann, wenn das Stück sehr bekannt ist. Allerdings muss sich jeder Schauspieler klar darüber sein, dass die Gegenpart-Rolle einfach die interessantere und dankbarere ist. Man muss den Othello schon verdammt gut spielen, um nur allein gegen die Figur des Jago zu bestehen. So auch bei Goethes Faust. Wer will diesen alten Vollpfosten, Partypuper und pädophilen Heinrich spielen? Mephisto ist derjenige, der den Zuschauern im Gedächtnis bleibt. Quadflieg war gut, aber Gründgens wurde zur Legende. Peter, für den es bereits die 3. Inszenierung als Faust gewesen war, bestätigte: „Als Heinrich musst du mit beiden Füßen im Leben stehen“, der Satz klingt mir heut noch in den Ohren … und nun verstehe ich auch, was er meinte.

Ich begann schon im November den Text zu lernen, denn ich ahnte nicht nur, welche Schwierigkeiten die geschwollene, alte Sprache macht, selbst wenn man das Reime-Lernen gewohnt ist, auch wusste ich, wie penibel vor allem das ältere Publikum den Goethe selbst auswendig kann. Da muss jedes Wort an der Stelle sitzen, wo es hingehört. Und, verdammt, wenn ich brabbelnd durch die weihnachtliche Dortmunder City zog, habe ich ab und an geflucht wie ein Kesselflicker.

Die Wiederaufnahmeproben gestalteten sich erneut etwas hektisch. Denn „Der zerbrochene Krug“ war das Hauptstück der Saison und erforderte mehr Aufmerksamkeit. "Faust" musste nicht mehr von Grund auf entwickelt werden, aber es waren nur noch 4 Schauspieler in dem Stück, die ihre Rollen vom letzten Jahr hatten. 4 waren neu besetzt und ich hatte eben den Heinrich übernommen, den man nicht mal eben aus dem Ärmel schüttelt. Zumal ich merkte, dass ich mich nicht mehr erinnern konnte, was Jan und Peter im Jahr zuvor vor allem in ihren nicht gerade wenigen Zweierszenen eigentlich auf der Bühne gemacht haben. Es war schon seltsam: Ich hatte Jan bisher ausschließlich als Regisseur; nun war er mein direkter Spielpartner. Eine neue Erfahrung, die ich sehr mochte, denn wir haben viele neue Details entwickelt, szenisch umgestaltet und intensiviert. Ich freue mich, behaupten zu dürfen: Wir haben es erheblich verbessert, was auch oft von Zuschauern bestätigt wurde.

Ich muss mir selbst aber auch ein Maß an Professionalität ankreiden, denn Ich bekam Faust zwar gut hin, doch ging es mir zu der Zeit nicht sonderlich gut und ich stand alles anders als 'mit beiden Füßen im Leben'. Ich will das gar nicht weiter vertiefen, aber die Rolle rüttelte mich ordentlich durch und es gab einige Proben und Auftritte, nach denen enorm meine Emotionsbremsen qualmten. Diese Intensität hatte ich zuvor nie gespürt und obwohl es richtig klingt, wenn ein Schauspieler tief in die Rolle hinein gerät, so ist es längst nicht richtig, wenn die Kontrolle dabei fast verloren geht. Letztendlich war ich froh, als die letzte Aufführung abgespielt war.

 

Aus der Chronik:

  • 14. April 2014

Die ersten 3 Probenwochen sind geschafft. Noch ist alles entspannt, aber ich wittere unvermeidlichen Stress. Dadurch, dass der Premierentermin für den „Zerbrochenen Krug“ wegen Bauarbeiten am Spielort in den Juli verlegt werden musste, ist nun der 2. Termin die Premiere. Und dieser liegt nur 2 Tage nach der 1. Aufführung vom „Faust“. – Beide Groß-Produktionen also innerhalb von 3 Tagen im Mai … und einige Tage davor ist auch die 1. Aufführung mit „Max & Moritz“, dieses Jahr mit Kirsten als Partnerin, für die das dann auch eine Premiere ist. Hmmm … Aber: Bangemachen gilt nicht!

Die „Krug“-Proben laufen gut an. Stefan Bach, mit dem ich die meisten Dialoge habe, ist ein Dorfrichter Adam, wie er idealer nicht sein kann. Ich suche noch ein wenig nach der richtigen Spur für mich als Gerichtsschreiber Licht, aber die Rolle wird mir Spaß machen. Hab ich sie mir doch letztes Jahr gleich gewünscht, als ich von dem Produktions-Plan erfuhr.

  • 18. April

Durch die neue Wohn-Situation im Amtsgericht in Hollfeld ist vieles so viel besser ist, dass man Altes gar nicht vermissen kann. Auf Aufseß zu leben war 4 Jahre sehr reizvoll. Aber als eingefleischtes Stadtkind vermisst man in der Idylle des Schlosses doch einiges. Auch in Hollfeld sucht man vergeblich nach steppenden Bären, aber … JETZT haben wir Infrastruktur! Supermärkte, jawohl, Plural, und in erreichbarer Nähe, Einzelhandel, Sparkasse, Internet, mehr als 20 Menschen im Umkreis von 100 Metern, und nicht zu vergessen: Gastronomie. Die Pizzeria ist gleich nebenan, der von mir so geschätzte Wittelsbacher Hof auch nicht weit entfernt und vor allem das entzückende Café Märchenwinkel wird von mir oft und gern frequentiert. (Der Kuchen dort ist eine Wucht!) Mal völlig von davon abgesehen: Im Amtgericht ist der Proberaum für die kleineren Stücke. Ich muss mich bloß aus dem Zimmer hinaus in die Arbeit fallen lassen. Und der 'große' Probenraum in Sankt Gangolf sowie das Büro sind nur eine Marienplatz-Überquerung entfernt. Meine Güte, was wir allein an Sprit sparen! Von Aufseß bis Hollfeld sind es 9 km Fahrt gewesen. Bei uns ist zudem sämtliches Equippment untergebracht. Somit fällt blödsinnige Wie-komme-ich-an-den-ganzen-Technikscheiß-und-wann-bringe-ich-ihn-zurück-Logistik weg.

Das Zusammenleben im Gericht hat natürlich ebenfalls eine andere Qualität. Ali und ich wohnen in der ersten Etage und haben eine riesige Wohnung (inklusive Probenraum, Küche, Bad und WC) für uns. Kein Durchgangszimmer mehr. (Nur knarrende Dielen. Anschleichen kann man sich in dem Haus nicht.) Die Kolleginnen wohnen unten und abends ist deren Küche nicht selten der Ausklang-Treffpunkt. Draußen, vorm Gerichtsportal ist ein langer Tisch mit Bänken. Ich hab von daheim meinen Sonnenschirm mitgebracht und wir haben einen Feuerkorb und genügend Brennholz. Es ist schon ein bisschen Schauspieler-Kommune.

Dass wir nun alle in Hollfeld ansässig sind, ist letztendlich auch für den Theatersommer von Vorteil; man nimmt uns als Schauspieler vor Ort weit mehr wahr, wir halten Schwätzchen, freunden uns mit Leuten dort an. Nun gut, die Aufsesser und von Dettens vermisse ich schon.

  • 26. Mai

Im Endspurt dieser letzten beiden Probenwochen haben wir die Schlagzahl nochmal erhöht. Das war leider durch die eng hintereinander folgenden Premieren nötig. Der Thespis-Karren stand in der brütenden Hitze vorm Amtsgericht und wir wüteten auf der Bühne; ich in beiden Stücken in schwarzen Kostümen. Hinzu kam, das sollte ich nicht unerwähnt lassen, dass Kirsten und ich ja auch noch „Max & Moritz“ vor der Nase hatten. Ich habe, ganz im Ernst, ein enorm schlechtes Gewissen gegenüber Kiki deswegen, denn ich muss gestehen, dass ich im Vorfeld dazu neigte, die Arbeit an dem Stück auf die leichte Schulter nehmen zu wollen. Nicht zuletzt deswegen, weil sie mittlerweile meine fünfte 'Mona' und mein 'Matze' die mit Abstand körperlich anstrengendste meiner bisherigen Rollen ist. Drum war ich einfach müde, es ein sechstes Mal neu zu erarbeiten, erst recht, da parallel noch 3 andere Stücke zu proben waren. Ich fürchte, Kiki war über meine (ihr als Unlust erscheinende) Erschöpfung recht erbost, was ich ihr nicht verübeln kann. Hinzu kam, dass die Proben für „Zwei waagerecht“, „Faust“ und den „Krug“ probenplan-logistisch Vorrang hatten und wir „Max & Moritz“ dazwischenquetschen mussten. Aber die Premiere auf dem Familienfest in Obernsees war ein voller Erfolg und Kiki hat ihre Sache glänzend gemacht.

4 Tage später war die „Faust“-Premiere in Hollfeld, gut gefüllt und eifrig beklatscht, der 1. „Zerbrochene Krug“ folgte nur 2 Tage später im übervollen Klosterlangheim. Hier ebenfalls: brandende Reaktionen.

  • 15. September

55 Auftritte waren es dieses Jahr. – Es wäre blödsinnig, dieses Theatersommerjahr mit den bisherigen zu vergleichen. Durch die Ensemble-Fluktuationen ist eh immer alles anders, durch die Produktionen ebenfalls, seit zwei Jahren auch durch die Unterkunftswechsel. Ich hatte etwas weniger Soli-Auftritte, dafür waren sie besser besucht. Es war aber für mich definitiv das großartigste Jahr in den Haupt-Produktionen. Hey, den Faust in 'Faust' und den Licht im 'Zerbrochenen Krug' – das wird sich kaum toppen lassen. Über Hollfeld als neuen Wohnort habe ich ja schon geschrieben; das war und ist einfach Klasse. Obwohl es hier im Haus einige Streitpunkte gab, aus deren völlig absurden Orkanböen ich mich sehr bewusst herausgehalten habe und über die ich immer noch den Kopf schüttle, weil sie so blödsinnig simpel hätten umschifft werden können. Das hat leider viel unnötig vermiest. Aber so sind wir Schauspieler wohl: Wenn wir eingeladen werden, kommen wir mit Aldi-Wein und leeren Tuppertöpfen.

Ein weiteres, nun GottseiDank wohl ausgestandenes Ärgernis erfuhr ich mit meinem Focus. Im Juli blieb er innerhalb von nicht mal zwei Wochen drei Mal liegen. Ich habe einige Wochen gebraucht, um erstmal wieder Vertrauen zu meinem Vehikel zu gewinnen.

Höchst absonder- und befremdlich an diesem Jahr empfinde ich die Tatsache, dass sich mein nun fünfjähriges Engagement hier in Franken mehr und mehr auswirkt. Ich habe es zuvor stets als Witz belächelt, wenn im FTS-Büro behauptet wurde, die Zuschauer würden immer öfter im Vorfeld nachfragen, in welchen Stücken ich mitspiele. Und nach den Auftritten habe ich des immer öfteren mit Leuten geplaudert, die durchaus strahlend auf mich zu kamen und meinten, sie hätten mich schon in dem und dem Stück gesehen und dies und das würden sie unbedingt noch ansehen wollen, ob ich denn nächstes Jahr wieder dabei wäre und was ich dann mache. HolladieWaldfee! Das ist schon höchst bizarr für ein Kind aus der Arbeiterklasse. Das Skurrilste ergab sich nun erst: Ich habe offenbar eine/n Gastronomie-Mäzen/atin! Ich darf in meinem Hollfelder Lieblingscafé, dem Märchenwinkel, konsumieren, was ich möchte, denn es gibt jemanden, der/die alles bezahlt … und anonym bleiben möchte. Hey, soll mir recht sein! Vielen Dank, unbekannterweise! Aber ein bisschen gruselig ist das schon ...

Der Märchenwinkel hat auch dazu beigetragen, dass ich das Prinzip 'Lesungen von und mit Schauspielern' etabliert habe. Vier Lesungen („Schwarz-Gelb“, „Menschenfischer“, „Eulenspiegels Enkel“ und „Der Zeitlauscher“) habe ich in dem schnuckeligen Café-Raum gehalten. Nächstes Jahr geht’s weiter. Und da selbst unser Intendant und auch einige Kollegen nun ebenfalls dort lesen, hoffe ich die Nummer ausweiten zu können.

  • 30. September

Ebenfalls absonderlich an diesem Jahr, war, dass wir kurz vor Saisonende noch ein Stück produzuerten. In „Was Euch gehört“ von Roald Hoffmann geht es um seine eigenen Kindheitserfahrungen während der nationalsozialistischen Besatzung seiner polnischen Heimat und wie er und seine Mutter in den 90er Jahren mit der Erinnerung an damals umgingen. Die Proben waren schon hart und die Premiere ziemlich schräg. Mein Plan war, direkt nach der Generalprobe und der Premiere abzuhauen. Zum einen lagen meine Nerven ziemlich blank. Zum anderen aber kam der Autor selbst. – Hoffmann, seines Zeichens Chemie-Nobelpreisträger, wurde schon vor und während der ganzen Probenzeit hofiert bis zum Gehtnichtmehr und bei jeder sich bietenden Gelegenheit wurde diese Auszeichnung erwähnt. Ich konnte den Titel einfach nicht mehr hören, zumal es in dem Stück in keinster Weise um Chemie geht.

Es passiert nicht häufig, dass man als Schauspieler dem Autor des Stückes begegnet, in dem man mitspielt. Hier nun aber war die Handlung nicht erfunden und ich spielte darüberhinaus ihn selbst. Holocaust, Vergangenheitsbewältigung, Mutter-Dilemma, Erinnerungsdefizit zum Vater ... Puh, das ist eine Nummer für sich. – Nun, Hoffmann war bereits bei der Generalprobe dabei und ich muss gestehen, dass ich mich beiseite hielt, weil ich nicht wusste, wie ich mit ihm kommunizieren sollte, praktisch, denn mein Englisch ist alles andere als gut, wie auch inhaltlich. Ich hätte mich gerne mit ihm alleine getroffen und über das Stück, über ihn und alles unterhalten, aber er war einfach immer umringt. -- Nach der Probe kamen er und seine Frau auf die Bühne, wirklich gerührt und mit Tränen in den Augen, und er umarmte mich ohne weitere Worte ... Scheiße, ich hätt fast auch geheult.

Die Premiere war, meine ich, ein ziemlicher Erfolg. Gut gefüllt, Lob von allen Seiten. Und ich glaub, ich hab nirgends gepatzt, weder textlich noch spielerisch. Nachher waren wir noch in ein benachbartes Wirtshaus geladen. Obwohl ich lange vor dem Lokal auf und ab tigerte, bin ich letztendlich nicht hineingegangen. Es tat mir unendlich leid, aber es kam mir so extrem falsch vor. Hoffmann ist ein so interessanter, sehr bescheidener und liebenswürdiger Mensch; ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese Hofiererei ihm wirklich recht war. Und die Vorstellung, ihm nun näher zu begegnen, wenn ich eben noch ihn selbst und seine eigene Geschichte gespielt hatte, während alle möglichen Menschen um ihn herumschlawenzten, war für mich unmöglich. Verdammt, das ist eine sensible Nummer, das geht nur unter vier Augen. Kann man das nachvollziehen?