Lyrik - veröffentlichte Auswahl

 

 

 

Wimpernschlagknirschen

 

Dich vor der grenze zum Nirgendwo,

wo sodverbrannt die Mägen knurren,

da fand ich neben einem Rastplatzklo

ein Mädchen und ihr Tigerschnurren.

Es litt und es lachte,

mal wild und mal sachte,

bemüht, ihre Reste fest an sich zu zurren.

 

Das Mädchen, es glich einem Lumpenriss.

Nichts zu retten war an Leib und Verstand.

Und indem sie, sich wehrend, wild um sich biss,

zerfraß sie sich selbst aus der eigenen Hand.

Ihre Augen glichen Kirschen

und ihr Wimpernschlagknirschen

drängten mich an die Rastplatzklowand.

 

Ich fragte sie mutig: „Wo willst du denn hin?

Ich kann dich bringen und sei es auch weit.

Tragen und Stützen sind meiner Schultern Sinn.

Auf meinen Füßen läuft es sich gut zu zweit.

Ich nehme gerne in Kauf

einen Doppeldauerlauf

Prüf’ mich. Nimm dir einen Ewigkeit Zeit.“

 

Doch das Mädchen schnurrte sich weich und weicher.

Ich glaubte, zu fühlen, dass ich hier nichts mehr nütze.

Ihre Augenkirschen wurden um einen Blut-Ton reicher.

Was übrigblieb, war eine Handvoll Pfütze.

Kurz vor der Grenze zum Nirgendwo

zergrübelte ich die Wand vom Rastplatzklo:

‚Zu sehr Verflossene brauchen keine Stütze.’

(veröffentlicht in der DoPen2)

 

Regenabend

 

dem tag

ist langweilig

schlurft pfützen in die wege

plätschert tropfengesänge vor sich hin

scheucht kindergeschrei aus dem hof in die betten

drückt seine feuchten hände tief in die stunden

während ihm letzte sonnenfinger

den klammen wolkenmantel zerfransen

 

(veröffentlicht als Textt des Monats (02/2000) der Stadt- u. Landesbibliothek Dortmund

und in "Ausgewählte Werke V" der Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichts)

 

Schreib über das, was du kennst

 

Schreib über die Uhr, die nicht läuft, weil du ständig auf sie schaust.

Beschreib verlorene Chancen, die du dir ewig verbaust.

Schreibe über den Wert unter dem du dich verkaufst.

Schreib über das, was du kennst.

 

Schreib wie du sprichst und nicht in Sätzen wie gordische Knoten.

Schreib keine Lieder, mit mehr Text als Melodie oder Noten.

Entschreibe deine Eingeweide. Bess’res kriegst du nicht geboten.

Schreib über das, was du kennst.

 

Schreib über das, was du denkst! Erst recht, wenn’s verboten.

Schreib ohne Wenns und Abers und nicht für Bestsellerquoten.

Beschreibe taube Nüsse, heiße Füße und leere Schoten.

Schreib über das, was du kennst.

 

Schreib über Drogen nur, wenn du sie auch ausprobiert hast.

Schreib über Frauen, die du beziehungsweise bezogen hast.

Schreib über feuchte Träume, Freiheit oder Knast.

Schreib über das, was du kennst.

 

Schreib über die Momente, in denen du mit weißer Fahne schlappmachst.

Schreib über Träume aus denen du schweißnass aufwachst.

Notier die Witze, über die du weil du musst nur mitlachst.

Schreib über das, was du kennst.

 

Beschreib die Menschen, die wie deine Eltern aussehen.

Die alle Freiheiten geben, aber Freiheit nicht verstehen.

Die sich Hand an Hand gefesselt aus dem eig’nen Wege gehen.

Schreib über das, was du kennst.

 

Schreib in Vergangenheit, wenn sie für dich im Präsens ist.

Über schlechte Zeiten, gerade, wenn du sie lieber vergisst.

Beschreibe nie die Zukunft, die keine Uhr bemisst.

Schreib über das, was du kennst.

 

Schreib über Magenwirbelthemen, die dir Übelkeit bringen.

Über Krieg und Frieden, Hass und Zorn und Herzblutklingen.

Schreib deinen Ekel in Tinte, um ihn blutig auszuwringen.

Schreib über das, was du kennst.

 

Schreibe alte Geschichten nicht neu, nur originell.

Die Ideen sind längst verbraucht. Sieh das ein, ganz generell.

Die neue Bosheit liegt im Worte ‚intellektuell’.

Schreib über das, was du kennst.

 

Schreib über materielle Dinge und was dich am Leben hält.

Deine Phantasien reichen nur dem armen Rest der Welt.

Verkaufe deine Träume, wenn’s sein muss für Schmerzensgeld.

Schreib über das, was du kennst.

 

Schreib nur die Wahrheit, wie sie war und ist gewesen.

Schreib keine Märchen, keine Fabeln, die will kein Mensch mehr lesen.

Fick in jedem Satz. Das kommt an, friss drauf nen Besen.

Schreib über das, was du kennst.

 

Es ist noch nicht zu spät, mein kleiner Poet.

Mach dir nicht die Mühe, der Kritik zu gefallen.

Zieh mutig vom Leder. Nutze Kopf und Herz und Feder.

Deinen Wein kriegst du nicht von jedem ... nur von allen.

(veröffentlicht in der DoPen6)

 

Der Affe

 

Ein Affe sitzt am Strand der Welt,

den Körper kahl vom Haareraufen,

im Kopf ein Segel, gebläht von Fragen.

 

Der Affe hat jeden Weg gezählt,

ist durch Stadt und Land und Fluss gelaufen,

sah die Wüsten, die dazwischen lagen.

 

Der Affe hat seine Zeit verfehlt,

verbracht mit Essen, Beischlaf, Saufen.

„Das reicht zum Leben“, ließ er sich sagen.

 

Der Affe hat den Namen Mensch gewählt,

und versäumt, Seele dazu zu kaufen.

Das Fazit ist kaum zu ertragen.

 

Ein Affe sitzt am letzten Strand der Welt,

während seine Gedanken im Sande verlaufen.

Will von Weisheit nichts sehen, hören, sagen.

(veröffentlicht in "Ausgewählte Werke VII" der Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichts)

 

F12

 

Wenn mit Einbruch der Nacht das tägliche Grauen ein Ende hat, dich Müdigkeit übermannt, du dich nieder legst

 und dein Bewusstsein alle Restpfeile von den Nerven schnellen lässt,

dann macht jemand in den Büroräumen deines Kopfes das Licht aus ...

 

Aber dann …

 

Eine Albschlussparty steigt in den Hinterzimmern!

Der Hausmeister wird gefesselt und geknebelt in den Papiervernichter gesteckt!

Aus allen Füllern wird die Tinte gedrückt!

Locher werden entleert. Konfetti in die Luft geschmissen!

Sekretärinnen steigen breitbeinig auf Kopierer!

Bereit zum Diktat. Fürs Archiv!

Nichts geht verloren. Hoch die Tassen!

– Vergiss nicht, zu vergessen, Boss!

 

Und wenn es wieder hell wird,

dir der neue Tag entgegengähnt wie ein träger Juniorchef,

– dann erinnere dich, zu vergessen.

(veröffentlicht in "Ausgewählte Werke VIII" der Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichts)

 

 

Das alte Fahrrad

 

Trostvergessen, rostig gefressen,

dem Regen überlassen.

Luftlochbegnadet, schmierlos entbadet,

vom Besitzer verlassen.

 

Schlaff bereift, fadbunt gestreift,

rundlos ver8et,

lichtverscherbt, schmutzbeerbt,

kellerumnachtet.

 

Locker entzahnt, schrotterahnt,

hinternversessen.

Klingelentschraubt, flickzeugberaubt,

weil’s Mäuse gern fressen.

 

Von wegen „Gut pflegen.

Schräublein hier und Tröpfchen da...“

- Im triefenden Regen im Matsch rumgelegen!

Ach, Mensch, ist doch wahr.

 

Mackendurchsucht, herrchenverflucht,

Wutfuß gekickt.

Als letztes Zeichen wegen Speichenleichen

auf die Fresse geschickt.

(veröffentlicht in "Ausgewählte Werke XXIII" der Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichts)

 

Resümee

 

Alle Schätze sind gehoben,

alle Lügen brav gelogen,

es gibt weder Feen noch Riesen.

Das Grüne kommt nach oben,

Kinder soll man loben,

und die Studien haben bewiesen,

dass auf dem Mond

niemand wohnt.

Wenn man das mal so betrachtet

– aus anderer Sicht und im Endeffekt –

dann haben wir uns eigenhändig ausgeschlachtet.

Oder Gott hat uns bloß geneckt,

und anderswo noch mehr versteckt.

(veröffentlicht in "Ausgewählte Werke XXIV" der Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichts)