Veröffentlichte Texte

 

 

Signo Blau

 

Es klingelt. Das Telefon. Er schaut auf. Der blasse Qualm der ausgedrückten Zigarette schwebt noch im Raum. Die Zeitung wird gefaltet und fortgelegt. Seine Zehen angeln nach dem grauen Filz seiner Hauslatschen.

Es klingelt. Er legt seine Brille auf die Zeitungen. Gedanken an den gelesenen Artikel arbeiten nach, bevor sie versiegen. Der Kaffee wird bald billiger.

Es klingelt. Er stöhnt. Die Sitzgruppe ist zu tief. Im Türrahmen zwischen Wohnzimmer und Flur fällt sein Blick auf die Stellen abgekratzter Farbe. ‚Ich müsste mal neu streichen“, denkt er. Wie immer, wenn er den Türrahmen zwischen Wohnzimmer und Flur passiert.

Es klingelt. Das Telefon. Modell Signo blau – auf der niedrigen Kommode mit dem Deckchen. Er hebt den Hörer ab. Unterbricht ein weiteres Läuten. „Ja? Hallo?“

Luftholen am entfernten Ende. Ein „Hallo“, presst sich durch die Leitung. „Ich ... ich müsste mal reden ... Haben Sie Zeit?“

Er rollt die Augäpfel gen Zimmerdecke. „Aaah“, murrt er gedehnt. „Ja ... ja, ja, sicher. Was gibt’s denn?“

Noch einmal ein Mut sammelndes Luftholen. „Ich ...“ Zögern. „Ich ...“

„Moment, lassen Sie mich raten. Sonst dauert Ihr Ich-ich-ich noch die ganze Nacht“, platzt er in das Gestammel. „Sind Sie geschäftlich ruiniert? Völlig pleite? Wissen weder ein noch aus? Oder sind Sie Spieler? Ist es Alkohol? Drogen? Alle Freunde weg und so weiter. Tja, schlimm so was. Da sind Sie hier aber falsch. Da müssen Sie die anonymen ...“

„Nein ... Das ... das ist es nicht“, unterbricht ihn die verstörte Stimme.

„Es ist Ihre Freundin, habe ich Recht? Ist es Ihre Freundin? Oder Ihre Frau? Ich weiß ja nicht. Wie alt sind Sie denn?“

„N-Neunzehn.“

„Ach, noch so’n Frischling. Ist sie dir weggelaufen? Oder hat sie einen anderen? Hast du sie in flagranti erwischt? Hm, das wär spannend. Oder liebt sie dich nur nicht mehr, du sie aber noch ganz doll. Da kann ich dir gleich sagen: Das ist absolut nichts Besonderes. Bist du ihr zu langweilig? Oder sagt sie, du seist schlecht im Bett? Sagt sie Schlaffi zu dir?“

„Nein, ich habe gar keine ...“

„Herrje – der einsame Bemitleidenswerte. Na gut, dann lass hören: ‘Ich bin sooo schlecht. Keiner mag mich. Was soll das alles? Ich will nicht mehr leben. Scheiß Welt.’ Kommt doch jetzt, oder ?“

Die Stimme startet einen weiteren Versuch: „Ich ... ich ...“

Seufzend lässt er sich auf der Flurbank nieder und reibt entnervt seine Stirnfalten. „Pass auf, Jüngelchen, ein bisschen musst du mir schon helfen. Aber bitte: zügig, klar und deutlich. Bring es auf den Punkt. Also?“

„Ich ...“ Die Stimme gibt sich einen Ruck. „Ich hatte einen Unfall. Gestern.“

„Kommt vor. Weiter. Mit dem Auto, oder was?“

„Ja, mit dem Auto. Auf der Kölner Straße.“

Er erinnert sich vage an eine Überschrift im Lokalteil der Zeitung. Von Kindern war die Rede.

„Kann ich mit Ihnen reden? Alle schütteln den Kopf, wenn ich darüber reden will. Und ich mag keine Abscheu und kein Kopfschütteln mehr sehen.“

Pause. „Was ist denn passiert?“

„Ich hatte mich mit einem Freund getroffen. Wir waren zusammen in der Fahrschule und hatten zusammen Prüfung. Jetzt wollten wir das feiern.“

„Ihr habt euch gleich nach eurer Führerscheinprüfung einen gekippt?“

„War nicht so viel. Drei, vier Gläschen vielleicht“, beeilt sich die Stimme.

„Vier Gläschen Bier?“

„Nein“, druckst es am anderen Ende. „Aber ich fühlte mich noch völlig fit. – Zuerst. – Und die Mädels waren dabei und schlugen vor, noch in die Stadt zu fahren. War ja nicht weit.“

„Warum seid ihr dann nicht gelaufen?“

„Jaaa“, dehnt sich die Stimme gequält. „War’n Fehler. Jetzt weiß ich das auch. Aber laufen? Mit ’nem neuen Schein? Wenn alle fahren wollen?“ Schweigen. Hektisches Atmen.

„Was war das denn für ein Unfall? Was ist überhaupt passiert?“

Erst ein Stocken, dann: „Ich fuhr die Kölner Straße hoch. Wissen Sie, im Klinikviertel, da parken doch immer rechts und links die Autos.“

„Ja, ja, ich weiß“, sagt er mit einer Vorahnung. „Ist meist ziemlich dicht beparkt da. Und zwischen den Autos sind Schilder. Und die machen auf spielende Kinder aufmerksam.“

„Ja ... genau ...“, dringt es schwer durch die Leitung. „Okay, jetzt weiß ich auch, dass ich angetrunken war und zu schnell gefahren bin. Aber ich hab mich nur einmal ganz kurz umgedreht, um irgendwas Cooles zu den Mädels hinten zu sagen, und als die plötzlich alle schrien und ich wieder nach vorn schaute, da stand dann plötzlich dieses kleine Mädchen da.“ Die Stimme wird schneller und überschlägt sich. „Und dann kam dieser Knall. Himmel, war der laut ... und dann war das Mädchen nicht mehr da. Nur noch eine große Beule in der Motorhaube. Und ich dachte nur: Scheiße, das Auto. Ich fluchte, und erst dann habe ich gebremst. Es hoppelte, und ich trat noch fester auf die Bremse, und unter dem Wagen spürte ich das Schreien, wie es unter den Rädern nachgab. Ich glaube, irgendwann nach Stunden blieb der Wagen endlich stehen. Aber ich starrte nur auf diese große Beule im Blech vor mir. Ich dachte noch: Das kann doch kein Kind gewesen sein. Ein kleines Kind kann doch niemals eine so große Beule machten. Da muss ein Felsen oder so was auf Papas Auto gefallen sein. Aber dann dachte ich, dass Steine ja unmöglich Blut verteilen können ...“

Das Schluchzen im Hörer bebt. „Mein Freund war draußen. Und irgendwie bin ich auch ausgestiegen ... Ich weiß aber nicht mehr ... Und ich wollte zurücklaufen, aber da war gar nichts. Nur die Spur hinter den Rädern. Das Kind lag noch drunter ... vor dem einen Hinterrad ... ist mitgeschleift worden, das Kind. Ganz schmutzig war es ... an den Beinen ... überall hatte es Schrammen und war ganz dreckig. Da habe ich mich gebückt und an den Füßen gezogen. Es schrie ja nicht mehr. Und da dachte ich: Dann tut’s bestimmt auch nicht so weh. Ist bestimmt nicht so schlimm. Also nahm ich es hoch und auf den Arm, und ihr Bein, das stand so komisch von ihr ab ... Das blonde Köpfchen auch ... und das Gesicht war ganz schmutzig und rot, und ich hab’ gedacht: Du kleines Ferkel, hast gespielt und irgendwas klebrig süßes, rotes ... Gummibärchen oder so was, genascht und dich vollgeschmiert, und jetzt ist alles an Papas Auto.

Da kamen dann Leute. Jemand schrie was von Arzt und Krankenwagen und Liegenlassen und, ach, was weiß ich. Aber ich dachte: Das mit dem Arm ist sicher nicht in Ordnung. Irgendwas verstaucht oder so. Und das Krankenhaus ist doch gleich nebenan. Da kann man doch eben hinlaufen. Ist ja nicht so weit. Jetzt hab’ ich sie schon mal auf’m Arm, da kann ich sie auch gleich hinbringen. Also lief ich los. Hinter mir hörte ich noch das Rufen von ’ner Frau. ‚Jennie, Jennie, Jennie!’ Und ich dachte: Ah, die Mutter. Gut. Kann sie sich den Schaden gleich mal angucken, den ihre kleine Göre da angerichtet hat. Und dann lief ich los. Und ich schaute auf das Kind und sah, dass nun auch meine Jacke rot war und ich dachte: So ein Mist, wie ärgerlich. Erst Papas Auto und jetzt die Jacke. Hoffentlich bekommt man das alles wieder raus. Und ich lief und ich lief. Und das Beinchen schlackerte so seltsam hin und her und rauf und runter, und ich dachte: So ein tapferes Mädchen. Weint gar nicht.

Irgendwann kam ich in der Klinik an. War weiter weg, als ich gedacht hatte. Und Leute waren hinter mir ... Ich weiß gar nicht mehr, was dann genau war ... Man untersuchte, und man fragte, und man schrie und zeterte mich an.

Irgendwer sagte dann, das Mädchen, ihr Genick ... Sie hätten nichts mehr ... Ich solle mich jedenfalls auf eine Menge Ärger gefasst machen und ... aber ich, ich konnte doch gar nicht ... sie sehen. Die war einfach so da. Ja gut, ich war angetrunken und das Auto war nicht meins ... und mein Schein ... Ich ... ich weiß jetzt gar nicht mehr, was ich ... was soll ich denn ... jetzt ...?“ Dann bricht die Stimme vollends zusammen. Hemmungslos schluchzt es in der Leitung.

Langsam lässt er den Hörer sinken und atmet einmal tief durch. Grübelfalten haben sich in seine Stirn gegraben. Einen Augenblick noch hält er kopfschüttelnd inne. Dann umfasst er den Hörer so fest, dass seine Fingerknochen weiß werden. „Du kleines, fieses, pubertierendes Arschloch“, raunt er in die Sprechschale. „Was willst du jetzt hören? Dass mir so was Leid tut? Du erzählst mir, du bist hackenstramm Auto gefahren, obwohl es dir wahrscheinlich auch noch verboten war und dazu noch mit einem Auto, welches nicht dir gehört. Fährst so mir nichts, dir nichts ein Kleinkind um und suhlst dich jetzt in Selbstmitleid. Ach, du arme geplagte Seele!“ Es trieft aus seiner Stimme.

„Aber ... ich ... ich dachte eigentlich, dass Sie mir helfen ...“

„Helfen? Helfen?! Wobei? Soll ich dich auch noch verteidigen? Was soll ich dir sagen? Nimm’s nicht so tragisch? Kann jedem mal passiert? Was macht es schon? Du wirst schon sehen, was es gemacht hat. Mit was, glaubst du, wirst du davon kommen. Mit Geld? Oder ein paar Monaten? Oder Jahren? Aber solche wie du kommen ja meistens davon, durch irgendwelche Klauseln oder zu gute Anwälte. So ist das doch immer. Aber warte, wenn die Nachbarn und die kleinen Kinder erst hinter dir her schreien: ‚Kindermörder, Kindermörder!’ und dann diese Träume anfangen ... Du hast doch sicher das Gesicht der Kleinen gesehen, oder? Die blutverschmierten Händchen, wenn sie sich nach dir ausstrecken werden und knirschend flüstern: ‚Warum hast du das getan? Warum? Warum hast du mir das angetan?’ Du kleiner Wichser, ich wünsch’ es dir. Lass dich besser auch überfahren!“ Knacken in der Leitung. Stille.

Er zuckt mit den Schultern und legt auf. in seinem Hals kratzen die Spuren seiner letzten, geröchelten Worte. Er räuspert sich. Auf der Rückseite des Telefonbuches, das seinen Platz neben dem blauen Signo-Modell hat, verharrt

Sein Blick bei einer Zahlenfolge.

11102 – Telefonseelsorge. Reden Sie mit uns. Wir sind für Sie da. Rund um die Uhr.

Am Telefon befindet sich unter einem durchsichtigen Plastikteil ein weißes Schildchen mit weiteren Ziffern 110 für Polizei. 112 für Feuerwehr. Daneben seine eigene Nummer. 111102. Einfach zu merken und schön schnell zu tippen. Vor allem die vier Einsen. Wenn die Finger nervös zucken, kann man sich da schon mal leicht vertun.

Lächelnd schüttelt er den Kopf und legt den Hörer zurück in die dunkelblaue Kunststofform. Dann schlurft er in seinen Pantoffeln zurück ins Wohnzimmer. ‚Ich müsste mal neu streichen’, denkt er im Türrahmen. Er lässt sich in die Sitzgruppe fallen und schüttelt sich die Puschen von den Füßen. Umständlich setzt er die Lesebrille auf und entfaltet die Zeitung.

Tragischer Unfall auf der Kölner Straße.

Übertrieben schnalzt er mit der Zunge. Neben dem großen Artikel noch Kleinanzeigen. Der Kaffee wird bald billiger und die Selbstmordrate steigt weiter an und so weiter und so weiter.

Er liebt es, abends in Ruhe die Zeitung zu lesen.

 

(Veröffentlicht in der Anthologie 'Junge Literatur' zum LesArt-Festival 2000)

 

Kinderteller

 

„Als Kind versuchte ich strukturiert zu essen. Speisen, die ich nicht mochte, aber aufessen musste, waren mir ein alltägliches Gräuel. Diese pädagogischen Rituale fingen erst sehr harmlos an. Zuerst wurde strahlende Sonne für den nächsten Tag versprochen. Mir blieb schleierhaft, was es mit diesen Wetter beschwörenden Fressopfern auf sich hatte. Ich kann mich im nachhinein nicht daran erinnern, ob es sich auch nur ein Mal gelohnt hat. Wenn sich dieses fadenscheinige Versprechen als kein ausreichendes Argument erwies, gingen meine Eltern dazu über, jeden einzelnen Bissen einem Verwandten zu widmen, was höchst unappetitlich war, wenn ich diesen nicht leiden konnte. – Irgendwann war ich es leid. Ich ergab mich meinem Schicksal und versuchte, das Beste daraus zu machen.

Und so entwickelte ich die Methode, was ich nicht mochte, als erstes zu essen, um mir die Leckerbissen, die zwischen dem Ekel durchaus vorhanden waren, für den Schluss aufzuheben.

Ich würgte Spargel hinunter, stets in der bangen Befürchtung, er könne auf dem Weg nach unten mein Rachenzäpfchen erdrosseln. Wie Urwaldlianen schlängelten sich die Glitschdinger in meiner Speiseröhre hinab, notdürftig beschmiert mit Sauce Hollandaise, die liebevoll „Schmecklecker-Soße“ genannt wurde, was mich immer argwöhnisch machte. Mama neigte dazu, beim Kochen ein bisschen vor sich hin zu träumen. Ihre Auffassungen von Prise, Schuss und Messerspitze war daher sehr wankelmütig. Der „Spritzer“ Zitronensaft zog in mir zusammen, was sich zusammenziehen ließ. – Aber neben dem unsorgsam geschälten Spelzengemüse lag der köstliche, rosarote, pfannengeröstete Lachs aus dem Aldi auf dem Teller.

Oder Rosenkohl. Trotz des schönen Namens raspelte er mir bitter die Zunge entlang. Ich gab mir enorme Mühe, das empfindliche Sinnesorgan nicht zu streifen, da diese Berührung den Würgreiz zu sehr herausforderte. Die verhassten Kohlknäueln mussten die Farbe der missglückten Mischversuche in meinem Malkasten nicht scheuen. Allein bei dem Gedanken an das unumgängliche Schlucken unter Mamas Ungehorsam-feindlichen Blicken verbogen sich mir die Mageninnenwände. – Die leckeren Kartoffelpuffer und das Schnitzel mit der Parniermehlhaut aber hielt ich peinlich penibel von dem Gemüsesud fern. Nichts war schlimmer, als die goldbraunen Röstkartoffeln in der verkochten Grünton-Pfütze dümpeln zu sehen.

Oder Möhreneintopf. Diese eingestampfte Pampe mit verkochten Kartoffelbrocken. Das Gerücht, aus ihnen und nichts anderem würden auch jene herrlichen Kartoffelpuffer gefertigt, war eins der großen Mysterien meiner Kindertage. Ich konnte der Einverleibung dieses Breis nur dann ein wenig Spaß abringen, wenn ich ihn so essen durfte, wie ich wollte. Nämlich in Mustern. – Wenn mir Nahrung schon nicht schmeckte, sollte sie mich wenigstens unterhalten.

Ich formte kunstvolle Windrosen in die Matsche. Und kleine Landschaften, Labyrinthe und lustige Möhrenschattenrisse, denen ihre Ekel-Konsistenz scheinbar nichts ausmachte. Ich aß sie zu Gesichtern und Figuren, die mir in meiner Phantasie lebensecht erschienen und mich zu ihrem Verzehr noch freundlich aufforderten.

Also balancierte ich die Gabel so weit es ging, ganz hinten in meinen Mund hinein, mit zusammengekniffenen Augen und tief an den Unterkiefer geduckter Zunge, um nichts was schmecken konnte, meine Bilder auf der Gabel vernaschen zu lassen. Diese phantastischen Gebilde wollte ich in mir aufnehmen, in mich hineinfüttern, damit sie für immer in mir blieben. Die Bilder wohlbemerkt – nicht das, woraus sie bestanden. Die Vorstellung einer kleinen Speisengalerie in meinem Innern, einer Art Buffet-Vernissage, bei der aller Ekel eine freundliche, kunstvolle Form erhielt, erweckte in mir eine Euphorie, die mich alles Übel dieser Karotin-strotzenden, gut-für-die-Augen-seienden Wurzeln vergessen ließ. Bis Papas Knurren mich aufforderte, anständig zu essen, wie jeder normale Mensch auch, und das brisante Timbre seiner Stimme nach der fünften Ermahnung, ließ mich widerstandslos gehorchen.

Also aß ich anständig. Von mittlerweile-kalt-außen nach mundwarm-innen. Wie es sich angeblich gehörte und wie es sinnvoll war.

Und heute? Was ist heute? Wie legt man Gebilde mit Döner-Salat? Wie isst man Pizza am besten? In Streifen? Aus der Hand? Und wenn, macht es noch so viel Spaß wie früher, als man sich so köstlich Finger und Front einsauen durfte? Und was ist mit Spargel oder Kohlrabi, Rosenkohl und Wirsing oder dem allkindisch verhassten Spinat, den im Vor-Blubb-Zeitalter doch niemand wirklich mochte? Irgendwann haben mich die guten Manieren eingeholt. Wo sind sie hin, die guten alten Zeiten der Übelkeit, der Nahrungszufuhrphantasie und der Möhrenbrei-Clowngesichter, die man verspeisen konnte? Was spart man sich heute für den Schluss auf?“ fragte ich dich, die du verführerisch lächelnd neben mir lagst, zum Anbeißen nackt und von der Sommersonne braun gebraten.

„Aber wenn mir etwas wirklich schmeckte“, fügte ich grinsend hinzu, „dann leckte ich nachher sogar den Teller ab.“

Und als ich dann meinem Heißhunger auf dich nachgab und wir nicht unbedingt den Regeln entsprechend einander schmausten, aber dafür sorgten, dass es am nächsten Tags schönes Wetter gab – einmal für Opi, ein weiteres Mal für Omi, ein drittes Mal für Onkel Otto – da hauchtest du, und es klang köstlich verdorben: „Naschen zwischendurch? Ts-ts-ts. Wenn das deine Eltern wüssten.“

 

(Veröffentlicht in gelesener Form auf der CD 'Premiere im Pott' von der Stadtakademie Bochum)

 

Kellerkinder

oder

Der gesiebte Tag

 

Die Geschwister halten sich umschlungen. Alles Illusion, denkt das Mädchen. Alles Traum. Das ist erträglicher.

Die Geschwister sitzen bei der Kartoffelkiste. Starren auf die bleichen Keimsprossen hinter den Holzstreben. Die beiden Kinder recken ihre Köpfe der Kohlenrutsche zu. Dem eisernen Gitter. Das angebracht ist, um das fahle Tageslicht zu sieben. Die Bewegungen dauern Stunden. So langsam sind sie. ‚Bewegung’. Dieses Wort ist unverdient.

Oben tobt der Krieg. Dumpfe Stimmen. Nichts als Laute, Geräusche. Unverständlich. Nichts sagend. Nur kämpfend.

Die ältere Schwester hat Vieles nicht verstanden. Vieles auch vergessen. Ihr Bruder und sie sind schon lange hier. Im Keller. Sie wurden geschickt. Um zu bleiben. Bis man sie wieder hoch holen werde. – Das Mädchen ist sich sicher, dass es dafür einen Grund gegeben ... haben muss. Ja. – Aber wurde er ihnen gesagt? Erwachsene haben so viele Gründe. Immer. Für alles. Handlungen klingen plausibel. Wundervoll! Der Wortlaut ist unwichtig. Entscheidend ist der Klang.

Jetzt zetert es. Von oben. Herunter. Wie Gewitterregen sickert es durch den rissigen Beton der Decke. Der Krieg ist nicht vorbei. Der gesiebte Tag ist ausgesperrt. Weit entfernt. Hinter dem Gitter.

Am Anfang. – Am Anfang war alles anders. Am Anfang war überall Licht. Und Musik in den Stimmen. Und Farben. Nicht nur Grau. Ihre Eltern schliefen zusammen. Seite an Seite. Herzschlag an Herzschlag. Oft legten die Kinder sich dazu. Mitten in die Liebe hinein. Vier Herzen unter einer Decke. – Bis Papi zu Schnarchen begann. Laut. Grunzend. Und Mutti konnte nicht schlafen. Warf sich hin und her. Wurde gereizt. Und Papi grunzte nur noch. Wie ein Schwein. Niemand verstand ihn mehr.

Er hat so viel vor gehabt. Mit dem Leben. Die Welt schien ihm offen und vor ihm niederzuknien. Direkt vor ihm, dem Papi. Als er noch keine Kinder hatte.

Doch dann war alles anderes gekommen. Nicht die Welt war ihm, er war der Welt Untertan geworden. Zeit wurde Qual. Ablauf wurde Qual. Gleichtakt wurde Qual. Wiederholung wurde Qual. Wurde einschläfernde Qual. Qual. Qual. Nur noch müde, müde ... Irgendwann hatte er angefangen zu schnarchen, zu grunzen.

Der Junge lehnt an der Schulter seiner Schwester. Findet einen Tropfen Trost. In ihrer knochigen Schlüsselbeinmulde. Leckt ihn mit spitzer Zunge auf. Die Schwester streicht ihm über den Kopf. Zärtlich. Massiert die Liebe ein. Das stellt sie sich vor. Dünne Haare schweben zu Boden. Sie tastet nach dem Kinn an ihrer Brust. Gleitet über die Haut. Über die dünnen Lippen. Ihre Fingerkuppen werden umschlossen. Lutschend. Saugend. Das Mädchen schließt die Augen. Die Dunkelheit hinter den Lidern macht kaum einen Unterschied. Aber das Gefühl wird stärker. Ein Schauer rinnt über den Nacken.

Oben klirrt es. Das gierige Saugen hält inne. Doch es war nichts. Ein greller Blitz, ein schriller Donner während des Gewitters. Der Junge lutscht weiter.

Anfangs ist er bei so etwas sofort aufgesprungen. Die Hände auf die Ohren gepresst. Die Augen zugekniffen. Blind rannte er herum. Durch die langen Kellergänge. Durch die vielen Parzellen. Das Glas eines alten Spiegels zerbrach. Der Junge konnte nichts dafür. Er wehrte sich bloß. Sein eigenes Bild genügte ihm als Feind. – Seine Schwester hat die Splitter entfernt. Sein Haupt mit Asche gereinigt. Es mit Stoffen verbunden. Die fand sie in einem blauen Sack. Sein Weinen küsste sie fort. Um den Schmerz machte sie sich keine Sorgen. Es gibt hier unten keinen Schmerz. So wie es keinen Tag gibt. Außer die gesiebten Reste unter der Kohlenrutsche.

Wobei ... es gibt Licht. In jedem der Räume. In jedem der Flure. Die Schalter funktionieren. Tadellos. Aber die Geschwister machen das Licht nie an. Das Mädchen erträgt es nicht. Wenn etwas funktioniert. Wie kann noch irgendetwas funktionieren? Das ist unerklärlich.

Das Tageslicht ist anders. Das Mädchen weiß: Der Tag funktioniert nicht, es gibt ihn einfach. Irgendwo da draußen. Da oben. Der Tag ist gesiebt. Unvollkommen. Aber er ist da. Man kann sich den Tag besser wünschen. Der Tag lässt viel zu Wünschen übrig.

Auch ihre Eltern haben irgendwann einmal funktioniert. Wie die Räder eines mechanischen Gefüges ineinander gegriffen. Spendeten Licht wie Lichtschalter. Haben ihre Kinder ins Leben gebracht. Versorgt. Erzogen. Doch dann hat Papi angefangen zu schnarchen, zu grunzen. Und Mutti wurde gereizt. Und Papi nicht verstanden. Plötzlich all diese Fehler in der Funktion. Das Knirschen zwischen den Rädern, in den Worten. Das Licht flackerte. Immer mehr. Überall. Das ganze schöne Elternhaus: Kaputt und rissig. Vielleicht war irgendwann eine Sicherung durchgebrannt. Irgendwie. Oder irgendetwas war durchgesickert. Irgendeine Form von ‚durch’. Irgendeine Form von ‚irgend’. Inmitten vieler ‚Vielleichts’.

Also haben sie die Geschwister hinunter geschickt. Vielleicht, um oben all die Schäden zu beheben. Ja, das könnte sein. Vielleicht sind Handwerker gekommen. Vielleicht ist der Krieg gar kein Krieg. Sondern nichts anderes als Geräusche der Wiederherstellung: Der neu belebte Herzschlag des Elternhauses über ihren Köpfen. Dann dürfen sie bald wieder an den Tag. Vielleicht: Wie leicht das klingt.

Manchmal zieht sich das Mädchen die Kohlenrutsche hoch. Zu dem Tagesieb. Zwinkert durch die Löcher. Sie ist sehr neugierig. Immer schon gewesen. Das hat sie zu hören bekommen. Von Papi. Wie einen Vorwurf.

Die Menschen ... Es gibt gar keine Menschen mehr. Es gibt nur Füße. Mit Strümpfen und Schuhen. Die Füße sind zum Gehen. Entweder hin oder her. Oder weg. Oder sie bleiben stehen. Oder sie eilen schnell vorbei. Aber nie gehen sie auf das Mädchen hinter dem Tagesieb zu. – Die Menschen sind komische Füße.

Ganz anders die Tiere. Sie sind hier unten mit ihnen zusammen eingesperrt. Die Spinnen sind sehr freundlich. Bedecken alles mit feinen Weben wie Schleier. Die Ecken und Winkel sehen damit ganz rund aus. Und weich. Im matten Dunkel erscheint das Grau beinah weiß. – Die Asseln sind oft hektisch. Aber das Mädchen hat ihre heimlichen Treffen entdeckt. Unter dem Holz der alten Möbel. Manchmal besucht sie diese Versammlungen. Dann tanzen die Asseln für sie. Vielleicht haben sie auch etwas vor. Vielleicht planen sie etwas. Wozu versammeln sie sich sonst? – Ratten gibt es jedoch nicht. Die Geschwister haben jedenfalls nie welche gesehen. Ratten sind sehr kluge Tiere. Was sollen sie hier?

Das Mädchen mag die Pflanzen. Es gibt nicht viele im Keller, aber einige schon. Das Moos an den Wänden ist kuschelig. Es kitzelt auf der Haut. Und auf dem Regal mit den Konservendosen und Einmachgläsern thront ein brauner Efeu mit harten Blättern. Den hat sie besonders gern. Er winkt ihr zu, wenn sie ihn berührt. Mit seinen dürren Armen. Ein wenig träge. Er sieht immer etwas traurig aus. Aber freundlich. Sie hält ihm die Wange hin. Schließt die Augen. Seine Greifwurzeln streicheln sie wie Fingerspitzen. Dann spuckt sie auf die rissige Erde. Streicht sanft darüber. Bis ihr Speichel ganz eingesickert ist.

Einmal hat sich das Mädchen die steile Treppe hinauf geschlichen. Um an der Tür zu lauschen. Doch als sie an der Tür war ... Auf einmal ist jemand gekommen. Ganz plötzlich. Der alte Mann aus der Wohnung unter der ihren. Er stand plötzlich mitten im Tag. Groß. Ungesiebt. Mit lauten Worten. Fragen. Das Mädchen konnte nicht antworten. Es blinzelte nur. – Der alte Mann klang wundervoll plausibel: Seine Augen. Seien schlecht geworden. Und das Gehör. Funktioniere auch nicht mehr richtig. Und er hob die Schultern. Er könne sich nicht um alles kümmern. Und machte die Tür wieder zu.

Und ein anderes Mal: Da kam die Frau von nebenan hier hinunter. Entdeckte die Geschwister, wie sie bei der Kartoffelkiste kauerten. Schaute sie nur an. Das Mädchen. Ihren Bruder. Blickte dann die Kellertreppe empor. Zur Tür. Wohinter der Krieg tobte. Und die seufzte. Und sie schwieg. Und sie schüttelte den Kopf. Und sie verschwand. Sie tat so viel.

Der Bruder seufzt leise. Er spricht hier unten nicht mehr. Auch das Mädchen nicht. Sie wollen die alten Worte nicht mehr. Haben sie abgelegt. Wie ihre Kleidung. Worte funktionieren. Also können sie auch kaputt gehen. Und dann verletzt man sich an ihnen. Beim Schweigen ist das anders. Das Schweigen versteht sich von selbst. Es lullt die Geschwister ein. In tiefen Schlaf. Das einzig Hörbare ist das warme Pochen ihrer Herzen. Ihre warme Haut an der warmen Haut ihres Bruders. Ihr Leben wird gesiebt. Aufs kleinste Korn geschliffen. Bis nur noch Liebe bleibt. Liebe, die nicht zu zerstören, nicht weiter zu verfeinern ist. Sie berühren sich. Sanft. Ganz behutsam. Um nichts mehr zu zerbrechen.  

 

 

 

Freistunde

 

»Warten Sie auf jemanden?«

Der junge Mann fuhr herum, als habe man ihn bei etwas ertappt. »Ich? Nein. Ich meine: Doch. Ich möchte... «

Die Frau mit der altmodischen Aktentasche auf der Hüfte und den sichtlich gefärbten Haaren erwartete eine Antwort, geduldig, aber bestimmt, wie sie es gewohnt war. Die Klinke der Lehrerzimmertür hielt sie bereits in der Hand.

» ...zu Herrn Guthard«, sagte der Mann schließlich, als beantworte er eine Biologie-Frage, mehr geraten als gewußt.

»Und Sie sind wer?«

»Ein Schüler«, war die knappe Antwort, und um einem Mißverständnis vorzubeugen fügte er hinzu: »Ein ehemaliger.«

»Verstehe«, nickte die Lehrerin gönnerhaft. »Er wird sicherlich gleich zur großen Pause reinkommen. Ich sag ihm dann Bescheid, ja?«

Sie verschwand. Die schwere Tür wuchtete gegen einen überhängenden Lederriemen.

Der junge Mann wandte sich wieder um. In einem von Fingern verschmierten Glaskasten hingen Linol-Drucke aus. Auf einem Schildchen stand Klasse 6c. Doch das las er nicht. Er entfernte eine Fluse von dem anthrazitschwarzen Stoff seiner Hose, rückte die Krawatte zurecht, zupfte an der Weste. Schließlich nickte er seinem Spiegelbild entschlossen zu.

Ein elektronisch knarzender Dreiton erklang. Kurz darauf brandete Unruhe wie eine Sturmflut aus den Klassenzimmern. Der Strom rauschte in beide Richtungen an dem Mann vorbei. Turnschuhschlurfen, Markenklamottenwetzen, Zickengebrabbel und pseudocooles Pubertätskieken schleppte sich durch die Gänge. Gerempel, Kreischen, erhobene Mittelfinger. Der junge Mann wurde mit abschätzenden Blicken taxiert. Möglicherweise als Irgend so'n Älter-als-wir-Typ, der hier rumspannt. Mehrere Teenager brabbelten in einer mit Anglizismen gespickten Sprache. Über Musik, nahm der Fremde an. Über Interpreten, die er niemals kennen, geschweige denn schätzen lernen würde.

Er verkniff den Mund, bevor ihm das andauernde Verlegenheitsgrinsen das Gesicht verkrampfte. Scheinbar interessiert widmete er sich einem anderen Schaukasten.

'Kleider machen Leute’ – Ein Theaterprojekt der Klasse 5a, Theodor-Fontane-Realschule. Premiere am 09. Mai 2002 um 18.30 Uhr.

Darunter Fotos von mehr und weniger teilnahmslos auf einer Bühne stehenden Kindern und mies kopierte Presseartikel, geschrieben von lesbar gelangweilten Lokalreportern.

»Sie wollen zu mir?«

Der junge Mann erkannte das Timbre. 'Er müßte jetzt um die fünfundvierzig sein', fuhr ihm durch den Kopf. Dann richtete er sich auf und wandte den Blick der Lehrerzimmertür zu.

Der Lehrer schritt ihm entgegen. »Sie sind der Ehemalige?«

»Ganz recht, Herr Guthard«, grinste der Angesprochene breit. Ein wenig fahrig wechselte er sein Jackett auf den anderen Arm und streckte die rechte Hand aus. »Kennen Sie mich noch?«

»Warten Sie mal.« Er hielt die Hand des jungen Mannes fest. Hinter der Brille verengten sich die kleinen Schweinsaugen, zwischen buschigen Brauen runzelte sich die Stirn. »Maas... Maas, Maas, irgendwas mit Maas? Feld?«

»Nein, Mann.«

»Mann. Richtig.« Endlich ließ er die Hand los. Der Zeigefinger des Pädagogen fegte durch die Luft. Sein Lachen klang etwas luftlos. »Sieht man ja auch, daß Sie einer geworden sind.«

'Gute Güte' huschte es durch den Kopf des früheren Schülers. 'Sein Humor ist nicht besser geworden'.

»Andreas, nicht?«

»Thomas.«

»Thomas. Genau. Tjaja, so hießen viele. Aber Maasmann, Thomas. Klar.« Er tippte sich an die hohe Stirn. »Darauf hätte ich kommen müssen. Ich mußte den Namen ja häufig genug ins Klassenbuch eintragen, nicht wahr?« Wieder dieses Keuchen. Der junge Mann versuchte ebenfalls ein Lachen. Es gelang nur mäßig. »Sind Sie zu Besuch hier?«

Für einen Moment war Thomas irritiert. Irgend etwas erschien ihm verkehrt. »Ja, ich... ich war grad in der Nähe und dachte mir, schau doch mal rein und guck, ob's den alten Guthard noch gibt.«

»Ja-a, noch gibt es den«, betonte der Lehrer seltsam. Sein Lächeln veränderte sich kaum. Nur unter den Schweinsaugen zuckte es kurz. Thomas klickte ein Schlucken durch den Hals. 'Idiot', schalt er sich in Gedanken.

»Nun«, Guthard trat einen Schritt zurück und musterte den jungen Mann von oben bis unten. »Sie haben es zu etwas gebracht, wie ich sehe.« Er nickte anerkennend.

Der Ehemalige zuckte bescheiden mit den Schultern. »Na ja, Arbeit im Außendienst macht sich recht gut bezahlt. War eben bei'nem Kunden.«

»Ja-a, da muß man schon adrett daherkommen. Das versteht sich.« Der Ältere schaute auf seine Armbanduhr. »Wenn ich mich nicht irre, habe ich laut Plan jetzt gleich eine Freistunde. Haben auch Sie Zeit? Oder müssen Sie gleich zum nächsten Kunden?« Er blickte freundlich zu dem jungen Mann auf und wartete dessen Antwort gar nicht erst ab. »Möchten Sie einen Kaffee mit mir trinken?«

Thomas tat, als müsse er kurz überlegen. »Klar. Gern«, willigte er dann ein.

 Das Lehrerzimmer. – Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals hier drin gewesen zu sein und ihm wurde etwas mulmig. Einst war es weitgehend unerforschtes Gebiet, der Olymp hinter der Tür mit dem Lederriemen und dem verwinkelten Flurgang, den man nicht einsehen konnte. Verbotene Zone. Top-Secret-Kammer. Inbegriff so schrecklicher Dinge wie Klassenbuch, Zeugniskonferenz oder Lehrerversammlung. Wer hier hinein durfte, ohne an der Tür warten zu müssen oder in Empfang genommen zu werden, nahm das Dürfen nicht mehr als Ehre wahr. Er wagte sich in die 'Höhle des Löwen'. Und nun saß Thomas mitten im Rudel.

Das Lehrerzimmer. Einfache Möbel von ausschließlich praktischen Nutzen und bar jeder Gemütlichkeit. Schränke mit einem Fach für jeden Lehrkörper. Lange Tische mit seit Amtsantritt festgelegten Plätzen, hier und dort mit Nachrichten für abwesende Kollegen bestückt. Kaffeetassen mit braunschlierigem Innen und Motiven, um sie auseinanderhalten zu können. Prall gefüllte Ordner, offene Taschen mit Kulihaltern, Jacken mit roten Schleifchen an Sicherheitsnadeln, Frauenkalender mit Spuch-Aufklebern. Hast du dein Kind heute schon gelobt? Kekse zur allgemeinen Verfügung auf Tellern mit Servietten vom letzten Weihnachten. 'Von wann sind dann wohl die Plätzchen?', fragte sich Thomas hämisch.

Als er direkt beim Fenster auf einem der grüngepolsterten Stühle Platz nahm, entschuldigte sich Herr Guthard, er müsse kurz mal auf die Toilette und Thomas fiel plötzlich auf, daß er nie einen Lehrer beim Pinkeln gesehen hatte.

Von den Pädagogen, die sich hier während der zehn Minuten Waffenstillstand von ihrer letzten Stunde zu erholen versuchten, kannte Thomas kaum ein Viertel. Und von den vier oder fünfen, bei deren Begegnung ihm heiß und kalt zugleich geworden war, wollte er nicht unbedingt erkannt werden. Er hielt nach Frau Gerling Ausschau. Bei ihr hatte er Biologie gehabt und hatte sie noch als Referendarin erlebt. Aber er konnte sie nicht entdecken. Statt dessen sah er Stretzer, den Hetzer, der sein Sport- und Mathelehrer gewesen war. 'Vor zehn Jahren', mußte der Ehemalige sich selbst erinnern. Der Mann mit dem schweißglänzenden Gesicht hatte sich bei Betreten des Raumes gleich eine Zigarette angezündete, wobei ihm so die Hände zitterten, daß es verwunderlich war, daß er das Ende des Glimmstengels traf.

Thomas hatte sich immer gefragt, weshalb das Lehrerzimmer stets als Bastion gehalten worden und nur von Schülersprechern zu betreten war. Nun kam er allmählich dahinter. Im Olymp wurden die Götter menschlich.

Nebenan rauschte die Toilettenspülung. Allmählich lichtete sich der große Raum. Ausladende Taschen wurden auf die Hüften gestemmt, letzte Kekse von den Tellern geschnappt und im Hinausgehen in den Mund gestopft als seien sie kleine Happen Mut.

Guthard ging in die Miniküche. Geschirr klapperte. Sein gebeugter Rücken war zu sehen. Das Hemd hing ihm aus der Hose. Immerhin: Er ist echt geblieben, dachte Thomas. Die überdeutlich korrekte Aussprache, als diktiere er ständig. Selbst wenn er eine harmlose Frage stellt, drängt der Instinkt trotzdem die Daten der Weimarer Republik in abrufbare Reichweite. Doch wie hat er es geschafft, in zwölf Jahren um mindestens zwanzig zu altern?

Da erinnerte er sich an den Krawall auf dem Flur, an die mißgünstigen Blicke und ausgestreckten Mittelfinger. Sie hatten früher selbst Späße hinter seinem Rücken gemacht. 'Gut hart' ermöglichte allerlei obszöne Wortspielchen, über die sich jeder Pubertierende amüsieren kann. Frau Busse, die Thomas ebenfalls flüchtig gesehen hatte, schien mit all dem besser umgegangen zu sein. Vielleicht hatte sie aber auch nur gelernt, Resignation mit Lässigkeit zu übertünchen. Nein, sie waren nicht die Alten geblieben. Sie waren älter geworden, als sie eigentlich waren.

Er versuchte, sich mit einem Fensterblick auf den Vorplatz der Schule abzulenken. Etliche Schüler verließen das Gebäude. Thomas fragte sich, ob sie immer noch in dem kleinen Edeka an der Ecke Schokoriegel klauten? Wahrscheinlich waren es jetzt eher Red-Bull-Dosen, die reißenden Absatz fanden.

Die drei knarzenden Töne kündigten den Beginn der nächsten Schulstunde an und das Zimmer hatte sich bis auf sie beide völlig geleert. Guthard stellte ein Tablett mit Tassen und einer Thermoskanne mit IKEA-Preisschild ab. Dann ließ er sich ächzend in den Stuhl fallen. »Eigentlich wollte ich einen Stapel Klassenarbeiten korrigieren, aber... « Er winkte ab. »Wir von der zähen Garde freuen uns immer, wenn Ehemalige vorbeikommen; für uns ist dies meist die einzige Möglichkeit, um zu sehen, ob unsere Bemühungen Früchte tragen. Nun nehmen Sie erst einmal. Milchpulver steht da.«

Thomas bediente sich und das Pulver bewölkte das tiefe Schwarz in seiner Tasse. Ihm war klar geworden, was ihn die ganze Zeit irritierte. »Herr Guthard, würden Sie mir einen Gefallen tun? - Sie haben mich immer geduzt.«

Der Lehrer lächelte, als habe er mit so etwas gerechnet. »Haben Sie eines Ihrer Schuljahre wiederholt?«

»Ja.« Thomas blinzelte. »Eins.«

»Dann waren Sie ungefähr siebzehn, als Sie abgegangen sind. Heute siezen wir die Schüler ab sechzehn Jahren. Allerdings in Verbindung mit dem Vornamen.« Er zuckte mit den Schultern. »Anweisungen von oben. – Sonst gewöhnen Sie sich ja nie daran.« Sein Schweineäuglein zwinkerte.

Der junge Mann lächelte verkniffen. »Es ist... ungewohnt. So haben Sie mich nie angeredet.«

»Gut, dann mache ich Ihnen eine Vorschlag. Du duzt mich auch.«

Thomas zuckte zusammen. Von jemandem mit Sie angesprochen zu werden, der ihm seit sechzehn Jahren bekannt war, war eine Sache, aber eine einstige Respektsperson duzen zu sollen, eine andere. Er hatte plötzlich das Gefühl unglaublich dämlich und verzweifelt aus der Wäsche zu schauen.

»Nun, wie ich merke, Thomas, bleibt alles beim neuen.« Guthard kicherte keuchend. »Aber nun erzählen Sie. Was machen Sie so?«

»Handelsvertreter«, antwortete der ehemalige Schüler schnell.

»Ah.« Guthards Brauen rückten in die Stirn. Thomas nickte. »Für welche Firma?«

»Saeco. Wir vermieten Automaten. Getränke, Snacks und so weiter.«

»Wir haben einen vorne im Eingangsbereich stehen. Hat den auch Ihre Firma aufgestellt?«

»Wir liefern natürlich auch an Schulen. Gut möglich, daß der von uns ist. Aber, ehrlich gesagt, genau weiß ich’s nicht.«

»Dann sind Sie sicher viel unterwegs, haben viel mit Menschen zu tun.«

Thomas erinnerte das an seine Praktikumsvorbereitung in der achten Klasse. »Ja, klar. Ständig.«

Der Lehrer runzelte die Stirn. »Wo hat Saeco seinen Sitz?«

»In...« Ein fast unmerkliches Zucken glitt über das Gesicht des früheren Schülers. Seine Hand griff in Richtung Keksteller. »Darf ich?« Guthard machte eine auffordernde Geste.

»Gütersloh«, antwortete Thomas endlich und biß von dem Gebäck ab. Kokosflocken rieselten in seine untergehaltene Hand. »Da wohne ich jetzt auch.« Er verharrte. »Kennen sie Saeco?«

»Wenn Sie in Wahrheit für ein Verkaufsgespräch hier sind, Thomas, bin ich sicher der falsche Ansprechpartner. Wenn Sie jetzt von Bertelsmann kämen... «

Der junge Mann wollte schnell abwiegeln, schaute den Lehrer dann aber nur verwirrt an. »Bertelsmann?«

»Der große Verlagskonzern in Gütersloh, direkt an der A2. Früher dürften Sie über den Exemplaren gebüffelt haben – und heute mit dem Auto ständig daran vorbeifahren, wenn Sie so oft unterwegs sind.«

»Ach so. Bertelsmann. Ja. Klar.«

Guthard lächelte seltsam. »Gütersloh ist nicht gerade um die Ecke. Freundlich von Ihnen, bei mir hereinzuschauen. Sagen Sie, haben Sie denn auch eine eigene Familie?«

Thomas griff in die Innentasche seines Jacketts und holte einen üppigen Umschlag mit Fotos hervor. Lehrer Guthard hörte aufmerksam zu, zeigte sein mildes Lächeln und betrachtete genauestens jede einzelne Aufnahme, die ihm auf dem Tisch vorlegt wurde. Die Bilder waren recht abgegriffen.

»Sie zeigen sie wohl sehr häufig.«

»Oh ja, meine Familie hab ich immer bei mir. Gerade auf Geschäftsfahrten.«

Seine Frau Konstanze habe er im Urlaub kennengelernt. Vor sechs Jahren, auf den Bahamas. Und ein Jahr später hatten sie dort geheiratet. Seitdem flögen sie jedes Jahr wieder hin. Heute mit Kindern.

»Eine sehr hübsche Frau, ihre Konstanze. Ich kann sie mir gut an ihrer Seite vorstellen.«

»Oh ja, wir sind uns in vielen Dingen sehr ähnlich.«

»Ja-a, das sehe ich. – Schade. War niemand da, der sie mal zusammen hätte ablichten können?«

 Na ja, und ihre beiden Küken, Jens-Cedric und Lena-Louise, seien inzwischen schon vier und drei Jahre alt. Ein Bild zeigte lachende Kinder, die in geschwisterlicher Umarmung hintereinander im Sandkasten saßen. Konstanze und er hätten manchmal ihre liebe Mühe mit den beiden Rabauken. Richtige kleine Wirbelwinde.

»Vor zwei Jahren haben wir gebaut. Hübsches kleines Häuschen. Hier, seh'n Sie. Etwas außerhalb. Schön ruhig und so. Und unsere Küken können im Garten spielen. Na ja, ich verdien' ja nun nicht schlecht und dachte, da leiste ich uns mal was von Dauer und das war halt die Gelegenheit. Ralf, das ist mein Schwager, der hat uns geholfen ans Gelände zu kommen und hier«, er tippte auf ein Foto, »hat er uns auch beim Bauen geholfen.«

Guthard nickte respektvoll. »Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu ihen damaligen Klassenkameraden?«, fragte er wie beiläufig, ohne den Blick von den Fotos zu lassen. Und Thomas erzählte, während er weiterhin Bild um Bild von einem auf den anderen Stapel legte. Viele seiner frühere Mitschüler seien inzwischen auch verheiratet und Eltern geworden. Von zweien wußte er, daß sie alleinerziehend waren. Tanja und Jörg sollten tatsächlich geheiratet haben, aber auch schon wieder geschieden sein. André hatte sich selbständig gemacht; seine Homepage wirke sehr professionell. Und Antonio, der kleine Spaghettifresser, solle heute, wie Thomas gehört habe, in seinem Heimatland einige Popularität als Künstler gewonnen haben. Er sei ja damals schon so ein Spinner gewesen. Auf den Klassensprecher Boris Zeisel angesprochen, meinte Thomas nur geringschätzig, der sei ein kleiner Beamter. »In Oberhausen, glaub' ich.«

»Und Simone Erdbach?«

Guthards Frage traf Thomas so unvorbereitet wie ein Tritt in die Magengrube. »Simone?« Er starrte auf das nächste Bild, das Jens-Cedric zeigte, herzzerreißend plärrend. »Was soll mit der sein?« Die Fotoecke vibrierte.

»Das wollte ich ja von Ihnen erfahren. Sie war eine sehr gute Schülerin. Auch Schülersprecherin, oder? Wenn ich mich recht erinnere, waren Sie doch in der zehnten Klasse... « – »Keine Ahnung«, wurde er unwirsch unterbrochen.

»Oh.« Der Lehrer kräuselte die Lippen. »Ich verstehe.«

»Ich weiß es wirklich nicht«, beteuerte Thomas kleinlaut. Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Sein Scheitel geriet durcheinander. »Sie wollte studieren. Irgendwas auf Lehramt«, fügte er abfällig hinzu.

»Das ist doch was. Ich muß sagen, Sie wissen recht gut Bescheid.«

»Na ja, man hört so dies und das.«

»Ich meine, dafür, daß Sie in Gütersloh wohnen, ist das allerhand.«

Thomas ließ den Bilderstapel sinken und starrte auf das Preisschild der Thermoskanne. »Haben Sie denn die Einladung nich' bekommen?« Guthard blickte ihn fragend an. »Das Klassentreffen. Vor ein paar Monaten oder so. Zum Zehnjährigen. Der Zeisel hat fast die gesamte Truppe zusammentrommeln können. Wir war'n schon alle knatschig, daß Sie nicht gekommen sind. Das ist ja'n starkes Stück! Zeisel, dieser Hammel. Hat er Sie tatsächlich vergessen einzuladen?«

Guthard hob die Hand, als wolle er ihn beschwichtigen. »Lassen Sie es gut sein, Thomas. Das ist schon in Ordnung. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich werde zu so einigen Klassentreffen eingeladen. Sagen wir, ich habe an dem Abend nicht kommen können, ja?«

Der frühere Schüler blinzelte und lächelte erleichtert.

Als das letzte Foto gezeigt war, lehnte sich der Pädagoge behaglich zurück. Thomas nippte die kalte Neige aus seiner Kaffeetasse, stellte sie ab und blickte sein Gegenüber an. Auf dem Gesicht des Älteren zeigte sich ein Ausdruck, den er nur schwer deuten konnte. Eigentlich lächelte Guthard.

»Tja. So sieht es zur Zeit bei mir aus.« Thomas hob nachlässig die Schultern. »Ich kann mich nicht wirklich beschweren, denke ich.«

»Ja. So wie Sie es darstellen, dürfen Sie sehr zufrieden sein«, dehnte sein früherer Lehrer. »Ich fand es immer faszinierend mir vorzustellen, was aus den Jungen und Mädchen wird, die bei mir im Unterricht sitzen und Geschichtsdaten, Englischvokabeln und Grammatikregeln büffeln.« Sein Seufzen klang ein bißchen wehmütig. „Die meisten sieht man nie wieder. Vielleicht lasse ich ein paar Tests zu viel schreiben.« Er schmunzelte.

Thomas lachte. »Sind Ihre Tests immer noch so gefürchtet? An die kann auch ich mich noch erinnern. Aber die Spick... « Er stoppte seinen Herausrutscher zu spät.

Doch Guthard hatte seinen seltsamen freundlichen Ausdruck nicht verändert, seine Mundwinkel rutschten nur einen Deut höher. »Keine Bange, Thomas, Prüfungen dieser Art müssen Sie nicht mehr ablegen. Und Sitzenbleiben droht Ihnen auch nicht mehr. Wenn ich alle Spickzettel von Ihnen geahndet hätte, die ich damals einfach übersehen habe, dann wären Sie... «, er suchte nach Worten, » ...Ihrer Konstanze sicherlich erst später begegnet.«

Sein Gegenüber verklemmte unsicher den Mund und versuchte ein bescheidenes Nicken. »Wenn ich Sie so ansehe, doch, ich kann Sie mir gut als Handelsvertreter vorstellen. Das ist schon was. Und Argumentieren lag Ihnen ja schon immer. Um eine Ausrede waren Sie jedenfalls nie verlegen.«

Thomas' Nicken stockte, für einen Moment auch sein Atem. Sein Blick bohrte sich in die Tischplatte. »Hat einer von den anderen Sie eigentlich mal hier besucht?«, fragte er ohne aufzuschauen. »Aus meiner Klasse, meine ich.«

Guthard beobachtete ihn aufmerksam. »Ab und an läßt sich der ein oder andere Schüler hier blicken. Man spielt dann mit mir das übliche, kleine Kennen-Sie-mich-noch?-Quiz und obwohl es nie nötig wäre, spiele ich immer mit.« Er lächelte gütig. »Ich habe das Gefühl, ihnen damit eine Freude zu bereiten. Vielleicht sehen sie das als eine Möglichkeit, nachträglich dem alten Lehrer auf die Sprünge helfen zu dürfen. Wer aber mit wem in welcher Klasse war, das kann ich nicht mehr im einzelnen zuordnen.«

Er ließ eine Weile verstreichen, bevor er weitersprach. »Ich kann mich noch gut an dich erinnern, Thomas. Du hast dich oft zu mir gesellt, wenn ich auf dem Pausenhof Aufsicht hatte.«

Thomas' Blick steckte immer noch in der Tischplatte fest. »Ja«, sagte er gedehnt und seine Stimme schien aus weiter Erinnerung in die Gegenwart zu hallen. »Sie haben sich immer mit mir unterhalten.«

»Na ja, wie man es nimmt.« Guthard schmunzelte. »Ich kam ja kaum zu Wort. Du hast mir diese vielen, kleinen Geschichten erzählt. Ich habe mich oft gefragt, wieso du bei Aufsätzen nie solche Phantasie entwickelt hast.«

»Weil sie versagt, sobald es um etwas geht«, antwortete der junge Mann leise.

»Das Problem haben viele Schüler«, sagte der Lehrer.

Thomas' Stimme war kaum noch zu hören. »Aber die meisten kommen darüber weg.« Langsam hob er den Blick. »Irgendwann. Oder?«

Guthard sog tief und schleifend die Luft ein. »Perspektiven sind nicht immer Glückssache, Thomas. Ein bißchen Traumtanz ist schön und gut. Ohne dem... wo bliebe die Kreativität? – Aber auch Tänzer brauchen einen Boden unter ihren Füßen.« Er zwinkerte. »Wer, wenn nicht dein alter Lehrer, dürfte sich solche altklugen Äußerungen erlauben?«  

Thomas schnaubte resigniert und wandte sich zum Fenster. Den Fingernagel zwischen den Zähnen, verlor sich sein Blick irgendwo weitab der alten Schule. So im Stuhl hängend sah er wie ein trotziger Halbstarker aus, den man nach dem Unterricht sein gefälschtes Entschuldigungsschreiben unter die Nase hält. Guthard schwieg.

Plötzlich stand Thomas auf, griff nach den Fotos und seinem Jackett. »Ich muß los«, murmelte er.

Der Lehrer schaute zur Uhr über der Tür. »Ja, die Fünfte ist gleich vorbei.«

 Auch er erhob sich. Der ehemalige Schüler ging um den Tisch herum und hielt dem Lehrer die Hand entgegen. »Hat mich gefreut, Sie wiedergesehen zu haben, Herr Guthard.«

 »Ganz meinerseits«, erwiderte Guthard. Erschrocken merkte Thomas, daß der Lehrer seine Hand nicht losließ. »Weißt du noch, wo sich die Jungentoilette befindet?«

 Er starrte den älteren Herrn an. »Ja«, brachte er mühsam heraus.

 »Wasch dir die Hände, bevor du gehst. Tintenflecke machen einen schlechten Eindruck auf Kunden.«

 Thomas verließ den Raum mit den von Ölstiften verschmierten Wänden. Hinter ihm hallte der Knall der Tür durch den Flur.

Kurz darauf kündigte der knarzende Dreiton das Ende der fünften Stunde an. Obwohl die Schüler ihr Bestes gaben, sich für die Tagesendrunde noch einmal Luft zu machen, hatte der Radau gegenüber der großen Pause an Kraft verloren. Nur wenige beachteten den jungen Mann, der mit verzerrtem Gesicht auf das Hauptportal zumarschierte. Was jedoch einige Belustigung erzeugte, war der knurrige Laut, den der Typ von sich gab, als er an dem Getränkeautomaten vorbeistampfte.

 

»Na, Wolfgang. Bist du vorangekommen?«

Vor Guthard rummste eine Tasche auf den Tisch und holte seinen abwesenden Blick aus dem Fenster zurück ins Lehrerzimmer. »Hm?«

»Die Korrekturen. Hast du die Freistunde nutzen können? Das hattest du doch vor.«

»Nee«, antwortete er fahrig und nahm den roten Pelikan aus dem Mundwinkel. Das Heft legte er zurück auf den Stapel. »Nicht wirklich.« Er rieb sich die kleinen Augen und sah zu der Kollegin auf. »Wo warst du in der Großen?«

»Arbeit. Englisch. Über zwei Stunden«, gab sie knapp Auskunft. Sie ließ die Schultern sacken und rollte mit den Augen, als habe sie selbst mitschreiben müssen und ihrem Gefühl nach kein gutes Ergebnis zu erwarten. »Ach. Hör mal«, fiel ihr etwas ein, »der Benni Delmhorn... 9c. Du weißt?«

»Ja-a.«

»Du bist doch Vertrauenslehrer. Könntest du dich nicht mal mit ihm befassen?«

Guthard brummelte etwas Unverständliches, was die junge Kollegin aber kaum beachtete. »Er... er... ich weiß auch nicht.« Sie suchte zunächst nach Worten, platzte dann aber ganz plötzlich los: »Ich weiß nicht, wie ich dem Jungen helfen soll. Er stört nicht. Im Gegenteil. Er ist rege und eigentlich total umgänglich. Lieb und nett eben. Aber in der Klasse scheint ihn niemand für voll zu nehmen. Ich habe ihn darauf angesprochen, ihn gefragt, ob ihn etwas bedrückt. Könnte ja sein, aber: Nöö. Kennst das ja. Und gerade, während der Englischarbeit - der Junge wirkte, als säße er auf dem elektrischen... «  Sie erschrak vor dem Wort, das ihren Redeschwall gebremst hatte, wedelte stattdessen hilflos mit den Händen. »Du hast ihn doch in Deutsch, Wolfgang. Dich kennt er seit der Fünf. Vielleicht ist er ja zu dir... « – »Kannst du dich noch an Thomas Maasmann erinnern?«

Sie starrte ihren älteren Kollegen an. »Thomas Maasmann.« Es klang nicht, als müsse sie nachdenken. Ihre Miene versteinerte sich, blühte dann aber plötzlich auf. »Mensch, du hast recht.« Sie schnalzte mit der Zunge. »Thomas war so ähnlich. Den konnte auch keiner von uns so richtig leiden. Selbst ich nicht mehr – nachher. Obwohl ich es ja wirklich ernsthaft versucht habe. Oh Gott, Thomas Maasmann.« Sie kicherte und runzelte die Stirn. »Hast du dich beim Klassentreffen mit Boris über ihn unterhalten? Mir sagte er, er habe Thomas mal irgendwo gesehen, ihn aber nicht angesprochen. Sei ihm zu blöd gewesen.«

»Ihr habt ihn nicht einmal eingeladen, nicht wahr?« Sie konnte den Vorwurf in der Stimme ihres Kollegen nicht überhören.

»Nein«, sagte sie bestimmt. »Auch wenn das alles jetzt zehn Jahre her ist, ich glaube nicht, daß ich ihn hätte sehen wollen. Du hast ja keine Ahnung, wie Thomas... «, sie schluckte, »am Ende unserer Beziehung war.«

»Stimmt. Das weiß ich nicht.«

Simone überlegte eine Weile. »Thomas hatte kaum Freunde.«

»Thomas hatte überhaupt keine Freunde«, verbesserte Guthard seine ehemalige Schülerin und heutige Kollegin.

»Glaubst du, daß Benni ähnliche Probleme hat?«

Der alte Lehrer zog die Schultern hoch. »Es ist nicht nur der Lehrplan, der sich wiederholt«, orakelte er, und als er Simones irritierten Blick bemerkte, fügte er hinzu: »Ich werde mit ihm reden. Morgen. Da hab ich eine Freistunde.«

 

»Was ist mit den Fotos, Bruderherz? Die waren nicht geschenkt.«

Gleich nachdem Thomas die SMS gelesen hatte, löschte er sie. Am Gewerbegebiet stieg er aus der S-Bahn und begab sich mit energischen Schritten zu der gigantischen Halle des Wal-Marts. Bevor er ihn durch die Drehtür betrat, warf er einen musternden Blick in die Glasscheibe und richtete seinen Scheitel.

»Na, endlich«, maulte Kerim, als Thomas an den kleinen, rollbaren Stand kam. »Kannste mir mal sagen, wo du... « – »Reg dich ab«, wurde er brüsk unterbrochen. »War Mallke da?«

Der junge Iraner pfiff durch die Zähne. »Fürchte, du kannst dich auf was gefaßt machen.« Seine Stimme bekam einen parodierenden Klang. »Wat denkt der sich? Seit zwei Monaten nur drei Scheine die Woche! Und dann nich' am Stand und nur Mailbox zu erreichen! Rumpel-hier-rumpel-da!«

»Pissfletsche«, grummelte Thomas. »Warum haste nich' gesagt, ich wär in'er Pause?«

»Was sollt' ich denn machen, Komiker? Eine Stunde ist der hier rumgekrochen.“

»Is' ja gut.« Er stopfte das Jackett durch die Schiebetür des Standes, holte dafür eine grellgelbe Jacke mit Club-Schriftzug heraus und zog sie sich über. Hinter einem kleinen Broschürenständer lag die Plakette mit seinem Namen. Er hängte sich das befestigte Band um den Hals. Dann stopfte er sich einen Streifen Kaugummi in die Backe und griff nach seiner schwarzen Antragsmappe und dem Verlosungsblock. Er fingerte den Kuli aus seiner Hosentasche. »Diese Scheißdinger schmieren wohl alle«, fluchte er halblaut.

Kerim schaute auf seinen Schreiber und klickte die Mine rein. »Wie willste deinen Schnitt eigentlich noch schaff'n?«

Der Gefragte rümpfte die Nase. »Wie viele hast du?«

»Heute? Sieben«, dehnte Kerim mit schnippischen Stolz. »Bisher.«

Thomas ließ seinen Blick über den Menschenstrom schweifen, der an dem Stand vorüberflanierte.

Perspektiven sind nicht immer Glückssache, Thomas, klang ein Echo aus seiner Erinnerung. Er ließ eine Kaugummiblase platzen und zeigte mit dem Finger auf seinen Kollegen. »Neun. Wenigstens.« Während er sich rückwärts einige Schritte vom Stand entfernte, formte er das Zahlwort mit stummen Lippen in Kerims Richtung. Der winkte hohnlachend ab.

Sein restlicher Grimm verschwand auf einen Schlag, als er sich umwandte und auf ein paar Anfang-Zwanziger zusteuerte. »Jungs, kommt

mal her!« Er rupfte einen Zettel vom Verlosungsblock ab. »Fahrt bestimmt Auto, oder? Könnt ihr doch sicher Sprit gebrauchen.«

 

 

 

Die Vogelscheuche

 

Mutti hat seine Schuhe wieder hingehangen. An meine Türklinke. Unsere guten alten ersten Kinderschuhe mit den abgewetzten Stoppern unter der Sohle. Die ich nach ihm trug. In denen wir beide Laufen gelernt haben. Ich kann sie noch so oft in den Mülleimer werfen oder irgendwo verstecken. Wenn Mutti sie findet, hängt sie die Schühchen immer wieder dort hin. Und sagt nichts. Obwohl ich immer im Zimmer bin. Sie hängt sie einfach nur stumm zurück an die Klinke. An ihren Platz. Wo sie seit Jahrzehnten hängen. Erinnerungen können so verschieden sein.

Ich kann meinen großen, kleinen Bruder vom Fenster aus sehen. Das Licht aus meinem Zimmer beleuchtet ihn, als dürfte und könnte nur ich ihn dort draussen im Laub spielen sehen, niemand sonst auf der Welt. Bei Wind und Regen steht er da draußen. Seit dem Frühling trägt er meine geliebte, alte Jacke und sieht damit fast so aus, wie ich früher ausgesehen haben muss. Wie wir beide ausgesehen haben müssen. Die Blätter wirbeln um ihn herum, und er fuchtelt mit seinen Ärmeln, als wolle er jedes Blatt einzeln fangen. Aber er kommt nicht vom Fleck. Unser Elternhaus läßt ihn nicht los.

Ich habe den Herbstgeruch immer geliebt. Seine morbide Frische von gerade Gestorbenen. Wenn Papa früher im Garten das Laub zusammengefegt hat, habe ich mich von einer Kiste runter in den Haufen fallen lassen. Aber nur, wenn Mutti nicht geguckt hat. Papa hat immer gelacht. Er hat nie etwas tragisch gesehen. Vielleicht hat er es gefühlt, aber gezeigt hat er es nie. Er hat dann nur gesagt: „Pass auf, dass Mutti dich nicht sieht.“ Er hatte Recht, denn sie hätte mich sofort wieder ins Haus geholt, wenn sie meine Laubsprünge entdeckt hätte. Nasse Sachen aus, bevor ich eine Erkältung bekommen könnte. Meinen großen, kleinen Bruder, der da unten im Regen steht und sich die Ärmel nach den Blättern ausreißt, den läßt sie draußen spielen.

Er scheint keine Angst zu haben. Da unten. Im dunklen Garten. Mitten im Grünkohlbeet. Allein. Er wird ganz nass. Seine Ärmel werden dem Wind immer schwerer, seine Bewegungen lahmer. Immer lahmer. Je länger es regnet. Als sei es das Regenwasser, das ihn lähmt. Die alte Jacke von mir ist klitschnass. Voller Lähmung.

Mutti hat sie ihm gegeben, meinem großen kleinen Bruder. Sie fragte, was ich denn noch mit dem alten kleinen Fetzen wolle. Sie würde mir schon längst nicht mehr passen. Die neue, die sie mir gekauft hat, die sei so schön; ob sie mir denn nicht gefiele. Mit der werde mir nicht kalt, wenn Britt mich durch den Park schiebt. „Aber Mutti, ich habe doch die Decke“, habe ich gelacht. „Meine Beine haben vergessen, was Kälte ist“, habe ich gelacht. Mutti hat nicht gelacht.

Ich weiß. Ich sollte so etwas nicht sagen. Morgen ist Muttis Geburtstag, und ich bringe sie nicht zum Lachen. Das ist nicht nett von mir. Aber sie haben mir alle geraten, ich solle das Ganze nicht so tragisch sehen. Ich gebe mir Mühe, und trotzdem ist es irgendwie nicht richtig.

Mein großer kleiner Bruder da unten im Grünkohlbeet gibt nicht auf. Er fuchtelt weiterhin herum, winkt mir mit unseren Ärmeln zu. Er freut sich, dass ich ihm meine Jacke überlassen habe. Lass gut sein, Brüderchen! Ich hatte ja auch deine Schuhe. Und die können wir beide nicht mehr gebrauchen. Es ist bloß Grünkohl, worin du da stehst. Vögel gehen da nicht dran. Beschützen solltest du die Schattenmorellen am Baum neben dir. Und die sind längst Marmelade. Und die Vögel schlafen. Und den Herbstregen kannst du nicht verscheuchen!

Morgen wird Mutti Grünkohl ernten. Ich mag das Zeug nicht. Aber ich esse alles auf. Klar, ist gesund. Für stabile Knochen und so. Und ich muss immer dran denken, dass du mit unserer Jacke ja drauf aufpasst. Bei Wind und Regen. Und dir dabei fast die Ärmel ausreißt. Ich muss von Grünkohl immer aufs Klo. Und dann muss Mutti mir helfen.

Früher habe ich Mutti an ihrem Geburtstag immer die Arbeit abgenommen. Abwaschen, Staub saugen. Die Arbeiten, die ich machen konnte und durfte, habe ich für sie erledigt. Und ich habe jedes Jahr eine Überraschung vorbereitet. Etwas selbst gemacht. Ganz allein. Alleine selbst gemacht. Sie hat sich gefreut. Immer. Früher.

 

Es ist schwierig geworden, Mutti ein Geburtstagsgeschenk vorzubereiten. Ganz alleine. Britt würde mir nicht helfen. – Oh, sie ist ganz in Ordnung. Sehr hübsch. Studiert Pädagogik. Aber ich glaube, sie kann mich nicht leiden; sie sagt es nur nicht laut. Sie kriegt Geld dafür, dass sie sich um mich kümmert, mit mir rausgeht und so. Sie sagt nur, ich sei manchmal so komisch, und sie wisse nie, was ich mit meinen Worten meine. Dabei sagte ich nur, dass ich im Park gerne mal mit ihr in so einen Laubberg springen würde. Und ich wünschte, ich könnte ihr unsere Zeit bezahlen. Nicht Mutti. Mutti zahlt schon so viel für mich. Die neue Jacke, die neue Decke, den Rollstuhl. Ich koste viel Geld. Ich scheuche sie ganz schön. Und das in ihrem Alter. – Na ja, vielleicht ist Scheuchen das falsche Wort ... Ich denke, da kann ich ruhig meine alte Jacke hergeben. Für ihre Schattenmorellen. Damit mein großer kleiner Bruder im Garten mit den Vögeln spielen kann. Morgen ist ja ihr Geburtstag. Und ich habe sonst kein Geschenk. – Und die alte Jacke ... ich habe sie immer gerne getragen. Sie hat so viele Taschen, in denen man alles mögliche hineinstopfen kann. Die erste Kastanie des Jahres, Haselnüsse, bunte Blätter, Geldstücke, die man auf der Strasse findet. Erinnerungen. An den Herbst.

Mutti hat Kerzen angezündet. Wie jedes Jahr im Herbst. In diesem wärest du 31 geworden, großer kleiner Bruder. Doch du hast so früh im Regen gespielt. Was hast du dir dabei gedacht? Die nassen Klamotten. Du warst auf so gutem Wege. Du hättest Muttis und Papas einziges Kind bleiben können. Statt dessen hast du Mutti so viel Kummer gemacht, dass du sie fast mit dir genommen hättest. Fünf Jahre hat sie gebraucht, um neuen Mut zu finden. Für mich. – Ausgerechnet für mich.

Neulich sagte sie, ich dürfe mir kein schlechtes Gewissen machen. Eine Mutter bliebe immer eine Mutter, egal, wie alt ihr Kind ist. ‚Auch egal, wie halb es ist?’ habe ich gefragt und es eigentlich als Scherz gemeint. Weil ich das Ganze nicht so tragisch nehmen soll. Sie hat nicht gelacht. Ich finde nie die richtigen Worte. Vielleicht meinte sie, dass ein Kind auch immer ein Kind bliebe. Es ist schwer, das einzusehen. Andere erwachsene Kinder sorgen für ihre Mütter, nicht umgekehrt.

Du hättest dir die Zeit nehmen sollen, um Papa richtig kennenzulernen. Die zehn Jahre wären nicht lange gewesen. Immerhin länger als für mich, bevor ihm und mir der Unfall dazwischen kam. Mutti sagte, er habe große Pläne gehabt. Wünsche, Vorstellungen über die Zukunft. Er habe sich darauf gefreut, irgendwann mit Enkeln zu spielen und so. Papa war 25, als er Papa wurde. Ich hinke ihm um ein Jahre hinterher. Oder rolle. Mit Britt durch den Park. Nur in meinen Wünschen toben wir in den Laubhaufen. Ich habe Mutti nie gefragt, ob Papa heute zufrieden wäre mit dem halben Übrigen seiner zwei Kinder. Das hätte sie bestimmt auch nicht zum Lachen gefunden.

Morgen ist der Geburtstag unserer Mutter. Was haben wir Kinder geleistet, großer kleiner Bruder? Du stehst wie ein Pflock im Grünkohlbeet, trägst meine alte, lahme Jacke auf, und winkst mir durch die Schatten zu, spukst als klein gebliebener Bruder durch meine stürmischen Fensterabende. Und ich? Ich sitze im Zimmer, mit Kinderschuhen an der Türklinke, und kann nicht hinaus, kann nicht einmal ins Bett gehen. Ich warte auf unsere Mutti. Darauf, dass sie in mein Zimmer kommt, mich wie einen halbtoten Sack Spätkartoffeln ins Bett schleppt. Welches Geschenk haben wir für sie? Du wärst der Ältere gewesen. Ich bleibe für immer der Spätere. Du hättest mir heute helfen können, etwas für sie vorzubereiten. Ganz allein zu zweit. Ein Geschenk der Kinder. Zum Geburtstag. Sie hätte das verdient.

Sie sagt, das sei schon in Ordnung. Und wieder dieses „Du darfst dir kein schlechtes Gewissen machen.“ Manchmal ist es nicht nett von ihr, so nett zu mir zu sein. Dass ich hier reglos sitzen muss, damit werde ich fertig. Es ist nicht mehr so tragisch. Für mich. Aber was fange ich an mit dem schlechten Gewissen darüber, mir kein schlechtes Gewissen mehr machen zu dürfen?

Es ist spät geworden. Der Wind hat nachgelassen. Jetzt wirst du müde, großer kleiner Bruder, nicht wahr? Auch die Vögel schlafen längst. Deine regenlahmen Ärmel tun dir sicher weh. Schmerz wäre großartig.

Ich kann Schritte auf dem Flur hören. Da draußen. Jenseits der Kinderschuhe. Sie klingen, als müssten sie sich zu uns ins Bett schleppen.