Fränkischer Theatersommer

Bei der Landesbühne Oberfranken – oder dem Fränkischen Theatersommer – war ich sieben Jahre (oder besser: Sommer) engagiert. 2010 bis 2017. Hierzulande – sprich: in NRW – würde man es als Provinztheater oder Kleine Klitsche bezeichnen. Doch ist es viel mehr. Ich konnte dort nicht nur die ersten drei meiner Solo-Theaterstücke inszenieren und auf die Bühne bringen, ich spielte dort auch wunderbare Rollen, nach denen sich jeder (männliche) Schauspieler die Finger leckt, den Malvolio in Was ihr wollt, den Faust, den Professor Higgins in My fair Lady, um nur einige der allgemein bekanntesten zu nennen.

Es war eine abenteuerliche Zeit, die – das muss ich gestehen – oftmals wirklich an die Grenzen ging. Zumindest für mich eingefleischtes Stadtkind. Das sehr malerische Schloß Aufseß, wo ich in den ersten vier Sommern in komplett aus Schauspielern bestehenden WGen untergebracht war, lag ziemlich ab- und vor allem aufwärts gelegen, nämlich auf’m Hügel. Und das Alte Amtsgericht in Hollfeld, meine Wohnstatt ab 2014 und ebenfalls auf’m Hügel, hatte zwar den Nachteil, im Frühjahr, wenn die Proben begannen, und im Frühherbst, wenn die Saison dem Ende zuging, nur mit dauerlaufenden Ölöfen bewohnbar zu sein, bestach dafür aber mit dem Vorteil, sich zumindest in einer Ortschaft mit erreichbarem Supermarkt zu befinden.

In der fränkischen Schweiz gibt es gefühlsmäßig an jeder Straßenecke ein Schloss, ebenso Gasthäuser und Brauereien. (Aufseß steht im Guinness-Buch als der Ort, der weltweit und gerechnet an der Einwohnerzahl die größte Brauereien-Dichte hat: auf 250 Menschen kommt eine Brauerei – ich frage mich heute noch, wie wichtig dieses Wissen ist, aber gut.) Mit einer fahrbaren Bühne spielten wir in oder an Schlössern und anderen alten Gemäuern, auf Markt- oder Kirchplätzen, in Gastronomien und Galerien, in Gemeindehäusern und Schulen, also eigentlich überall. Das hieß auch für uns Schauspieler: Mitauf- und -Abbau der Bühne und der Kulissen, der Licht- und Soundanlage, Einrichten sämtlicher Kostüme und Requisiten. – Ja, war anstrengend, aber hey: Viele Hände, schnell zu Ende!

2016

 

2015

 

2014

„DER ZERBROCHENE KRUG“ Ensemble-Stück von H. v. Kleist
meine Rolle: Gerichtsschreiber Licht
Dorfrichter Adam spricht Recht in einem kleinen Dorf, wo sein Wort Gesetz ist. Jetzt soll er einen besonderen Fall klären: Marthe Rull hat mitten in der Nacht einen fremden Mann im Zimmer ihrer Tochter überrascht. Der Flüchtige sprang durch das Fenster und zerbrach dabei einen Krug. Marthe Rull hat den Bräutigam ihrer Tochter im Verdacht. Mit gewieften Verschleierungstaktiken und unlauteren Verhörmethoden setzt Dorfrichter Adam allen Eifer daran, mehr Dunkel als Licht in den Fall zu bringen. Denn: Er sitzt über sich selbst zu Gericht. — Wie Wahrheit zur Lüge degradiert werden kann oder umgekehrt – wie Lüge öffentlich zur Wahrheit erklärt wird, das kann man sicher im politischen Alltag studieren oder höchst vergnüglich in der berühmten Komödie von Heinrich Kleist.
Meine Spielpartner: Stephan Bach, Benjamin Bochmann, Ingrit Gabriel, Heidi Lehnert, Kirsten Annika Lange, Laura Mann, Alexander Voß
„ZWEI WAAGERECHT“
Zwei-Personen-Stück; eine ‚Rätsel‘-hafte ungewöhnliche Liebesromanze
meine Rolle Rolle: Josh
meine Spielpartnerin: Laura Mann
Regie: Jan Burdinski
Zwei äußerlich solide, aber innerlich vereinsamte Menschen, ein Mann und eine Frau, begegnen sich im leeren Zugabteil. Beide haben genug Schutzwälle um sich herum errichtet, doch die Vorliebe beider für Kreuzworträtsel bringt sie zaghaft miteinander ins Gespräch. Je mehr Rätsel gelöst werden, um so flüssiger wird das Gespräch und um so mehr Einblicke hinter die Fassaden werden gestattet – mit ungeahnten Folgen.
Editoriales:
Die Proben zu „Zwei waagerecht“ verliefen von Anfang an prima und ich bin im höchsten Maße begeistert von meiner neuen Kollegin und Spielpartnerin Laura Mann. Ich habe noch nie eine Schauspielerin erlebt, die eine solch enorme Bankbreite (und Rollentiefe) zu spielen versteht, und dabei im Spiel diese Natürlichkeit bewahrt. Es tut mir fast leid, „Zwei waagerecht“ immer ’nur‘ als Kammerspiel zu bezeichnen. Das IST es, durchaus; es spielt in einem Zugabteil und man kann sagen, wir machen nichts anderes als Kreuzworträtsel lösen und miteinander reden. Dennoch ist das Stück (nicht nur gut geschrieben, sondern auch) so intim und nah, eine so schöne, dichte Story geworden, an sich bescheiden, aber mit ungeheurer Tiefe, dass es – davon bin ich überzeugt, mehr bannen wird, als manche dramatische Groß-Produktion mit viel Zinnober. Jan, der Regie führt, meint aber auch, dass die Chemie zwischen uns einfach stimme, auch, weil wir beide ein Faible für ‚kleines, feines Spiel‘ haben. Dem will ich nicht widersprechen.
Nach den Proben (ohne Testpublikum) fragten wir uns allerdings durchaus: Wer wird darüber lachen?, denn selbst bemerkt man das Potenzial der Pointen nicht mehr. Wir rechneten zwar damit, dass das Stück funktionieren würde, aber mit den Reaktionen, die sich uns dann bei der Premiere offenbarten, haben wir nicht gerechnet. Es war großartig; die Leute klatschen extrem lange. Selbst der Feuilletonist stand auf und rief ‚Bravo‘. Wow! Gleich 2 Tage später der nächste Auftritt in Aufseß. Wegen eines wirklich blödsinnigen logischen Denkfehlers meinerseits standen wir dort vor dem Dilemma: Die (von mir) zwei georderten Bühnenplatten reichen nicht für unseren Bühnenaufbau. Drum an dieser Stelle nochmals Dank an Herrn Roth, der uns ‚mal eben‘ mit Brettern auf Bierkästen (!) eine Bühnenerweiterung gezimmert hat. Wurde ebenso eine tolle Aufführung vor recht vollem Haus. Jau, das Stück macht richtig Spaß! Und nebenbei, es ist dieses Jahr das einzige, bei dem ich nicht ins Schwitzen gerate.
Presse:
Liebesgeschichte im Zugabteil rührte die Zuschauer
25.03.15 – Bad Rehburg – (…) Zwei kommen miteinander ins Gespräch über dem Lösen von Kreuzworträtseln. Jeder zunächst für sich allein, nach und nach immer mehr gemeinsam. 90 Minuten dauert die Zugfahrt und 90 Minuten brauchen Janet und Joshua, um ihr Leben, ihre Lieben, ihre Sorgen und ihre Freuden voreinander auszubreiten. Um sich kennen zu lernen. Um jeder für sich zu erkennen, weshalb manches in ihrem eigenen Leben nicht so läuft, wie sie es sich erhoffen. Um Einsichten zu gewinnen., was sie ändern könnten. Um die Veränderung herbeizuführen. Und um sich dabei in den jeweils anderen zu verlieben.
Eine kleine Liebesgeschichte haben Laura Mann und Markus Veith auf die Bühne gebracht. Anrührend ist sie. Manchmal reizt sie zum Kichern. Dann wieder dazu, herzhaft zu lachen. Und poetisch, ja, poetisch ist sie auch. Schön ist es überdies, den beiden Schauspielern zuzuhören, sie agieren zu sehen, zu erleben, wie sie ihre Geschichte dort auf der Bühne entfächern.
Mit Lachen, mit ein wenig Wehmut und mit Lyrik im Ohr, die noch nachklingt, sind die Zuschauer gegangen, in dem Gefühl, einen lohnenden Abend erlebt zu haben.
Beate Ney-Janssen für ‚Die Harke‘
„FAUST – der Tragödie erster Teil“Ensemble-Stück von J. W. v. Goethe
meine Rolle: Faust
Auf dem Thespiskarren zeigt unser Ensemble die große Geschichte vom Gelehrten, welcher mehr von der Welt will, als er bis dato darin sah, und sich in seinem Sinneshunger auf den Pakt mit dem Teufel einlässt – verknüpft mit der Tragödie des Gretchens, die ihm durch ihre Erscheinung die Liebe ins Herz schleudert.
Nordbayerischer Kurier, Juli 2013: „…zumal sich Jan Burdinski ein hehres Ziel gesetzt hat: leicht soll er daher kommen, dieser Faust, und doch tief in die Abgründe menschlicher Seelen blicken lassen. Und das in zwei Stunden. Den Schauspielern gelingt der Parforceritt vom Himmel durchs irdische Dasein ins Höllenreich vortrefflich. … Uralte Menschheitsfragen, Sehnsüchte und Ränkespiele. Das ganze Leben auf der Bühne. Chapeau!“
Meine Spielpartner: Stephan Bach, Benjamin Bochmann, Maria Albu, Jan Burdinski, Kirsten Annika Lange, Eike Domroes, Laura Mann, Alexander Voß
Editoriales:
Wir spielten das Stück bereits 2013. Jan spielte den Mephisto, Peter den Faust. Mir fielen in der ersten Saison die Rollen des Wagner und des Frosch (einer der Saufköppe in Auerbachs Keller) zu und diverse (noch) kleinere Röllchen. Damit war ich zufrieden, denn ich hatte für meine Gage nicht viel zu tun und in der nur zweiwöchigen Probenzeit keinen allzu großen Stress. Doch am Ende des Sommers zeichnete sich ab, dass es für 2014 etliche Umbesetzungen geben würde, da vier Schauspieler neue Wege einschlagen wollten. Unter anderem unser Faust-Darsteller. Jan fragte mich, ob ich dann die Rolle übernehmen wolle.
Selbst wenn die Alternative ist, in einer Wiederaufnahme mit denselben Rollen eine ruhige Kugel schieben zu können: Zu einem Faust sagt man einfach nicht Nein. Der macht sich schon allein verdammt gut in der Vita. Ich habe immer gesagt, dass es natürlich toll ist, die Titelfigur eines Stückes zu spielen, besonders dann, wenn das Stück sehr bekannt ist. Allerdings muss sich jeder Schauspieler klar darüber sein, dass die Gegenpart-Rolle einfach die interessantere und dankbarere ist. Man muss den Othello schon verdammt gut spielen, um nur allein gegen die Figur des Jago zu bestehen. So auch bei Goethes Faust. Wer will diesen alten Vollpfosten, Partypuper und pädophilen Heinrich spielen? Mephisto ist derjenige, der den Zuschauern im Gedächtnis bleibt. Quadflieg war gut, aber Gründgens wurde zur Legende. Peter, für den es bereits die 3. Inszenierung als Faust gewesen war, bestätigte: „Als Heinrich musst du mit beiden Füßen im Leben stehen“, der Satz klingt mir heut noch in den Ohren … und nun verstehe ich auch, was er meinte.
Ich begann schon im November den Text zu lernen, denn ich ahnte nicht nur, welche Schwierigkeiten die geschwollene, alte Sprache macht, selbst wenn man das Reime-Lernen gewohnt ist, auch wusste ich, wie penibel vor allem das ältere Publikum den Goethe selbst auswendig kann. Da muss jedes Wort an der Stelle sitzen, wo es hingehört. Und, verdammt, wenn ich brabbelnd durch die weihnachtliche Dortmunder City zog, habe ich ab und an geflucht wie ein Kesselflicker.
Die Wiederaufnahmeproben gestalteten sich erneut etwas hektisch. Denn „Der zerbrochene Krug“ war das Hauptstück der Saison und erforderte mehr Aufmerksamkeit. „Faust“ musste nicht mehr von Grund auf entwickelt werden, aber es waren nur noch 4 Schauspieler in dem Stück, die ihre Rollen vom letzten Jahr hatten. 4 waren neu besetzt und ich hatte eben den Heinrich übernommen, den man nicht mal eben aus dem Ärmel schüttelt. Zumal ich merkte, dass ich mich nicht mehr erinnern konnte, was Jan und Peter im Jahr zuvor vor allem in ihren nicht gerade wenigen Zweierszenen eigentlich auf der Bühne gemacht haben. Es war schon seltsam: Ich hatte Jan bisher ausschließlich als Regisseur; nun war er mein direkter Spielpartner. Eine neue Erfahrung, die ich sehr mochte, denn wir haben viele neue Details entwickelt, szenisch umgestaltet und intensiviert. Ich freue mich, behaupten zu dürfen: Wir haben es erheblich verbessert, was auch oft von Zuschauern bestätigt wurde.
Ich muss mir selbst aber auch ein Maß an Professionalität ankreiden, denn Ich bekam Faust zwar gut hin, doch ging es mir zu der Zeit nicht sonderlich gut und ich stand alles anders als ‚mit beiden Füßen im Leben‘. Ich will das gar nicht weiter vertiefen, aber die Rolle rüttelte mich ordentlich durch und es gab einige Proben und Auftritte, nach denen enorm meine Emotionsbremsen qualmten. Diese Intensität hatte ich zuvor nie gespürt und obwohl es richtig klingt, wenn ein Schauspieler tief in die Rolle hinein gerät, so ist es längst nicht richtig, wenn die Kontrolle dabei fast verloren geht. Letztendlich war ich froh, als die letzte Aufführung abgespielt war.
Aus der Chronik:
14. April 2014
Die ersten 3 Probenwochen sind geschafft. Noch ist alles entspannt, aber ich wittere unvermeidlichen Stress. Dadurch, dass der Premierentermin für den „Zerbrochenen Krug“ wegen Bauarbeiten am Spielort in den Juli verlegt werden musste, ist nun der 2. Termin die Premiere. Und dieser liegt nur 2 Tage nach der 1. Aufführung vom „Faust“. – Beide Groß-Produktionen also innerhalb von 3 Tagen im Mai … und einige Tage davor ist auch die 1. Aufführung mit „Max & Moritz“, dieses Jahr mit Kirsten als Partnerin, für die das dann auch eine Premiere ist. Hmmm … Aber: Bangemachen gilt nicht!
Die „Krug“-Proben laufen gut an. Stefan Bach, mit dem ich die meisten Dialoge habe, ist ein Dorfrichter Adam, wie er idealer nicht sein kann. Ich suche noch ein wenig nach der richtigen Spur für mich als Gerichtsschreiber Licht, aber die Rolle wird mir Spaß machen. Hab ich sie mir doch letztes Jahr gleich gewünscht, als ich von dem Produktions-Plan erfuhr.
18. April
Durch die neue Wohn-Situation im Amtsgericht in Hollfeld ist vieles so viel besser ist, dass man Altes gar nicht vermissen kann. Auf Aufseß zu leben war 4 Jahre sehr reizvoll. Aber als eingefleischtes Stadtkind vermisst man in der Idylle des Schlosses doch einiges. Auch in Hollfeld sucht man vergeblich nach steppenden Bären, aber … JETZT haben wir Infrastruktur! Supermärkte, jawohl, Plural, und in erreichbarer Nähe, Einzelhandel, Sparkasse, Internet, mehr als 20 Menschen im Umkreis von 100 Metern, und nicht zu vergessen: Gastronomie. Die Pizzeria ist gleich nebenan, der von mir so geschätzte Wittelsbacher Hof auch nicht weit entfernt und vor allem das entzückende Café Märchenwinkel wird von mir oft und gern frequentiert. (Der Kuchen dort ist eine Wucht!) Mal völlig von davon abgesehen: Im Amtgericht ist der Proberaum für die kleineren Stücke. Ich muss mich bloß aus dem Zimmer hinaus in die Arbeit fallen lassen. Und der ‚große‘ Probenraum in Sankt Gangolf sowie das Büro sind nur eine Marienplatz-Überquerung entfernt. Meine Güte, was wir allein an Sprit sparen! Von Aufseß bis Hollfeld sind es 9 km Fahrt gewesen. Bei uns ist zudem sämtliches Equippment untergebracht. Somit fällt blödsinnige Wie-komme-ich-an-den-ganzen-Technikscheiß-und-wann-bringe-ich-ihn-zurück-Logistik weg.
Das Zusammenleben im Gericht hat natürlich ebenfalls eine andere Qualität. Ali und ich wohnen in der ersten Etage und haben eine riesige Wohnung (inklusive Probenraum, Küche, Bad und WC) für uns. Kein Durchgangszimmer mehr. (Nur knarrende Dielen. Anschleichen kann man sich in dem Haus nicht.) Die Kolleginnen wohnen unten und abends ist deren Küche nicht selten der Ausklang-Treffpunkt. Draußen, vorm Gerichtsportal ist ein langer Tisch mit Bänken. Ich hab von daheim meinen Sonnenschirm mitgebracht und wir haben einen Feuerkorb und genügend Brennholz. Es ist schon ein bisschen Schauspieler-Kommune.
Dass wir nun alle in Hollfeld ansässig sind, ist letztendlich auch für den Theatersommer von Vorteil; man nimmt uns als Schauspieler vor Ort weit mehr wahr, wir halten Schwätzchen, freunden uns mit Leuten dort an. Nun gut, die Aufsesser und von Dettens vermisse ich schon.
26. Mai
Im Endspurt dieser letzten beiden Probenwochen haben wir die Schlagzahl nochmal erhöht. Das war leider durch die eng hintereinander folgenden Premieren nötig. Der Thespis-Karren stand in der brütenden Hitze vorm Amtsgericht und wir wüteten auf der Bühne; ich in beiden Stücken in schwarzen Kostümen. Hinzu kam, das sollte ich nicht unerwähnt lassen, dass Kirsten und ich ja auch noch „Max & Moritz“ vor der Nase hatten. Ich habe, ganz im Ernst, ein enorm schlechtes Gewissen gegenüber Kiki deswegen, denn ich muss gestehen, dass ich im Vorfeld dazu neigte, die Arbeit an dem Stück auf die leichte Schulter nehmen zu wollen. Nicht zuletzt deswegen, weil sie mittlerweile meine fünfte ‚Mona‘ und mein ‚Matze‘ die mit Abstand körperlich anstrengendste meiner bisherigen Rollen ist. Drum war ich einfach müde, es ein sechstes Mal neu zu erarbeiten, erst recht, da parallel noch 3 andere Stücke zu proben waren. Ich fürchte, Kiki war über meine (ihr als Unlust erscheinende) Erschöpfung recht erbost, was ich ihr nicht verübeln kann. Hinzu kam, dass die Proben für „Zwei waagerecht“, „Faust“ und den „Krug“ probenplan-logistisch Vorrang hatten und wir „Max & Moritz“ dazwischenquetschen mussten. Aber die Premiere auf dem Familienfest in Obernsees war ein voller Erfolg und Kiki hat ihre Sache glänzend gemacht.
4 Tage später war die „Faust“-Premiere in Hollfeld, gut gefüllt und eifrig beklatscht, der 1. „Zerbrochene Krug“ folgte nur 2 Tage später im übervollen Klosterlangheim. Hier ebenfalls: brandende Reaktionen.
15. September
55 Auftritte waren es dieses Jahr. – Es wäre blödsinnig, dieses Theatersommerjahr mit den bisherigen zu vergleichen. Durch die Ensemble-Fluktuationen ist eh immer alles anders, durch die Produktionen ebenfalls, seit zwei Jahren auch durch die Unterkunftswechsel. Ich hatte etwas weniger Soli-Auftritte, dafür waren sie besser besucht. Es war aber für mich definitiv das großartigste Jahr in den Haupt-Produktionen. Hey, den Faust in ‚Faust‘ und den Licht im ‚Zerbrochenen Krug‘ – das wird sich kaum toppen lassen. Über Hollfeld als neuen Wohnort habe ich ja schon geschrieben; das war und ist einfach Klasse. Obwohl es hier im Haus einige Streitpunkte gab, aus deren völlig absurden Orkanböen ich mich sehr bewusst herausgehalten habe und über die ich immer noch den Kopf schüttle, weil sie so blödsinnig simpel hätten umschifft werden können. Das hat leider viel unnötig vermiest. Aber so sind wir Schauspieler wohl: Wenn wir eingeladen werden, kommen wir mit Aldi-Wein und leeren Tuppertöpfen.
Ein weiteres, nun GottseiDank wohl ausgestandenes Ärgernis erfuhr ich mit meinem Focus. Im Juli blieb er innerhalb von nicht mal zwei Wochen drei Mal liegen. Ich habe einige Wochen gebraucht, um erstmal wieder Vertrauen zu meinem Vehikel zu gewinnen.
Höchst absonder- und befremdlich an diesem Jahr empfinde ich die Tatsache, dass sich mein nun fünfjähriges Engagement hier in Franken mehr und mehr auswirkt. Ich habe es zuvor stets als Witz belächelt, wenn im FTS-Büro behauptet wurde, die Zuschauer würden immer öfter im Vorfeld nachfragen, in welchen Stücken ich mitspiele. Und nach den Auftritten habe ich des immer öfteren mit Leuten geplaudert, die durchaus strahlend auf mich zu kamen und meinten, sie hätten mich schon in dem und dem Stück gesehen und dies und das würden sie unbedingt noch ansehen wollen, ob ich denn nächstes Jahr wieder dabei wäre und was ich dann mache. HolladieWaldfee! Das ist schon höchst bizarr für ein Kind aus der Arbeiterklasse. Das Skurrilste ergab sich nun erst: Ich habe offenbar eine/n Gastronomie-Mäzen/atin! Ich darf in meinem Hollfelder Lieblingscafé, dem Märchenwinkel, konsumieren, was ich möchte, denn es gibt jemanden, der/die alles bezahlt … und anonym bleiben möchte. Hey, soll mir recht sein! Vielen Dank, unbekannterweise! Aber ein bisschen gruselig ist das schon …
Der Märchenwinkel hat auch dazu beigetragen, dass ich das Prinzip ‚Lesungen von und mit Schauspielern‘ etabliert habe. Vier Lesungen („Schwarz-Gelb“, „Menschenfischer“, „Eulenspiegels Enkel“ und „Der Zeitlauscher“) habe ich in dem schnuckeligen Café-Raum gehalten. Nächstes Jahr geht’s weiter. Und da selbst unser Intendant und auch einige Kollegen nun ebenfalls dort lesen, hoffe ich die Nummer ausweiten zu können.
30. September
Ebenfalls absonderlich an diesem Jahr, war, dass wir kurz vor Saisonende noch ein Stück produzuerten. In „Was Euch gehört“ von Roald Hoffmann geht es um seine eigenen Kindheitserfahrungen während der nationalsozialistischen Besatzung seiner polnischen Heimat und wie er und seine Mutter in den 90er Jahren mit der Erinnerung an damals umgingen. Die Proben waren schon hart und die Premiere ziemlich schräg. Mein Plan war, direkt nach der Generalprobe und der Premiere abzuhauen. Zum einen lagen meine Nerven ziemlich blank. Zum anderen aber kam der Autor selbst. – Hoffmann, seines Zeichens Chemie-Nobelpreisträger, wurde schon vor und während der ganzen Probenzeit hofiert bis zum Gehtnichtmehr und bei jeder sich bietenden Gelegenheit wurde diese Auszeichnung erwähnt. Ich konnte den Titel einfach nicht mehr hören, zumal es in dem Stück in keinster Weise um Chemie geht.
Es passiert nicht häufig, dass man als Schauspieler dem Autor des Stückes begegnet, in dem man mitspielt. Hier nun aber war die Handlung nicht erfunden und ich spielte darüberhinaus ihn selbst. Holocaust, Vergangenheitsbewältigung, Mutter-Dilemma, Erinnerungsdefizit zum Vater … Puh, das ist eine Nummer für sich. – Nun, Hoffmann war bereits bei der Generalprobe dabei und ich muss gestehen, dass ich mich beiseite hielt, weil ich nicht wusste, wie ich mit ihm kommunizieren sollte, praktisch, denn mein Englisch ist alles andere als gut, wie auch inhaltlich. Ich hätte mich gerne mit ihm alleine getroffen und über das Stück, über ihn und alles unterhalten, aber er war einfach immer umringt. — Nach der Probe kamen er und seine Frau auf die Bühne, wirklich gerührt und mit Tränen in den Augen, und er umarmte mich ohne weitere Worte … Scheiße, ich hätt fast auch geheult.
Die Premiere war, meine ich, ein ziemlicher Erfolg. Gut gefüllt, Lob von allen Seiten. Und ich glaub, ich hab nirgends gepatzt, weder textlich noch spielerisch. Nachher waren wir noch in ein benachbartes Wirtshaus geladen. Obwohl ich lange vor dem Lokal auf und ab tigerte, bin ich letztendlich nicht hineingegangen. Es tat mir unendlich leid, aber es kam mir so extrem falsch vor. Hoffmann ist ein so interessanter, sehr bescheidener und liebenswürdiger Mensch; ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese Hofiererei ihm wirklich recht war. Und die Vorstellung, ihm nun näher zu begegnen, wenn ich eben noch ihn selbst und seine eigene Geschichte gespielt hatte, während alle möglichen Menschen um ihn herumschlawenzten, war für mich unmöglich. Verdammt, das ist eine sensible Nummer, das geht nur unter vier Augen. Kann man das nachvollziehen?

 

2013

„Was ihr wollt“

von Wiliam Shakespeare

Eine Komödie voller Liebeswirrwarr, süßer Melancholie und erfrischendem Schabernack.

Mit Stephan Bach als Sir Toby Rülps und Kapitän – Juliane Fechner als Viola – Peter Kempkes als Orsino, Sir Andrew Bleichenwang und Antonio – Christiane Reichert als Maria und Sabastian – Ingrit Gabriel als Olivia – ich spielte Malvolio und Valentin

 

Außerdem kam in diesem Jahr „Eulenspiegels Enkel“ zur Uraufführung. Zu dem gibt es allerdings eine gesonderte Seite unter den Solo-Theaterstücken.

Des weiteren Spielte ich, wie oben erwähnt, in der ersten Inszenierung von Goethes „Faust“ einige Nebenrollen.

 

2012

„Männersache“

Musical nach dem Drehbuch ‚Männer‘ v. Doris Dörrie; Buch und Songtexte: Joe DiPietro, Musik: Jimmy Roberts

Mit Christiane Reichert (auch Regie), Juliane Fechner, Alexander Voss und ich. Am Piano: Lioubov Knjazew – Fotos: TMO Bilderwelten Tom Schneider

 

„Tartuffe“

Komödie von Moliére

Mit Juliane Fechner, Ingrit Gabriel, Christiane Reichert, Karin Schubert, Karolin Trübenbach, Sandra Weber, Stephan Bach, Benjamin Bochmann, Hubert Burczek, Alexander Voss und mir, Regie: Jan Burdinski

 

„Pinocchio“

Kindertheaterstück nach Collodi, bearbeitet und inszeniert von mir
Mit Alexander Voss und Karolin Trübenbach

Ein paar Erinnerungen:

Ich wurde gefragt, ob ich für diese Saison ein Kindertheaterstück für zwei Darsteller schreiben und inszenieren könne und wir einigten uns auf ‚Pinocchio‘. Ich selbst sollte nicht mitspielen, um Spielterminüberschneidungen zu vermeiden. Doch da zunächst lange Zeit die Besetzungsfrage nicht klar war, fiel mir das Ersinnen schwer. Würde es Mann & Frau, Frau & Frau oder Mann & Mann sein? Außerdem der Habitus und das Alter. Es ist schon erheblich, wenn ein fünfzigjähriger Riese die Fee darstellt.

Zudem wurde mir beim Lesen des Originals klar, dass man ‚Pinocchio’ heutzutage nicht mehr 1:1 machen kann, ohne dass es altbacken wirkt, denn der ursprüngliche Text (von 1883) predigt, dass ein Kind brav und artig und anständig zu sein hat. Natürlich gilt es auch heute noch, dass ein Kind nicht die Schule schwänzen oder lügen sollte, doch die Vorstellung des Braven Kindes zu Collodis Zeiten ist heute kaum zeitgemäß.

Dann wurde klar, dass mein Musical-Kollege und Lieblingsnachbar Alexander Voss von der Partie sein würde; hinzu kam eine neue Kollegin: Karolin Trübenbach. Und als ich hörte, dass der Körpergrößenunterschied zwischen den beiden recht enorm sei, kam mir auch allmählich die Idee, wie das Stück neu und frech angelegt werden könnte: Ich habe den Fuchs und die Katze das Stück erzählen lassen, also die beiden Übeltäter der Geschichte, wobei die Katze Schnurre Felizitatz (Karolin) ausschließlich Pinocchio spielt und der Fuchs Reini Reudig (Ali) alle anderen Figuren. – Armer Ali … ich glaube, ich habe ihn ganz schön getrieben.

Anfang April begannen die Proben. Wir schafften es, das Stück innerhalb von fünf Tagen ‚rund‘ zu bekommen; also grob fertig, aber noch nicht aufführungsreif. Das war 1. Etappenziel, denn danach mussten wir alle für andere Stücke proben und die Premieren von sechs anderen Stücken fielen in den Zeitraum nur weniger Tage, wurden also auch alle gleichzeitig geprobt. An manchen Tagen probten wir drei verschiedene Stücke an drei verschiedenen Orten. – Aber irgendwie schafft man es ja zum Ende doch immer.

 

2011

Die Anzahl meiner Auftritte in diesem Jahr verdoppelte sich im Vergleich zu 2010. Das lag daran, dass „Ich liebe dich …“ verlängert wurde, mit „Hilfe, wir machen Urlaub!“ ein weiteres Musical hinzu kam, ich mein erstes Solo-Theaterstück „Ein jeder Narr tut was er will“ machen konnte, zudem ein ebenfalls sehr erfolgreich gespieltes Kindertheaterstück und das Lesungs-Stück „LoveLetters“. Vielleicht noch zu erwähnen: In diesem Jahr hatte ich ein Auto, somit war es um einiges erträglicher als 2010.

 

„Hilfe, wir machen Urlaub!“

Ein musikalische Reise ins ganz normale Urlaubschaos

Mit Christiane Reichert (auch Regie), Diana Barth, Alexander Voss und ich. Am Piano: Lioubov Knjazew

Ein paar Erinnerungen:

Durchs Vorjahr ein bisschen sicherer geworden im Gesang, legte meine Regisseurin ein Schäufelchen drauf: „Welpenschutz ist vorüber; du singst gefälligst, was du singen sollst. Ach so, und ein Lied musst du lispelnd singen.“ – Aahjaa …

Ali und auch meine Kolleginnen waren in der Musical-Ecke nahezu daheim und so kam es während der Proben öfter zu einigen recht komischen Situationen, denn wer sich auskennt, spricht natürlich auch im gängigen Jargon …

„Und dann Shimmy-shimmy.“ – „Alles klar.“ – „Wir machen … WAS? Okay, erkläre es mir wie einem Dreijährigen.“

oder

„Jets nach vorne rechts.“ – „Okay.“ – „Jets?“ – „Ja, wir laufen wie die Jungs in WestSideStory.“ – „Ah, gut, … und wie laufen die, verdammte Hacke?!“

oder

„Dann gebt ihr Gummi zum QuickChange.“ – „Ich soll mich schnell umziehen?“ – „Korrekt.“ – „DANN SAG DAS DOCH AUCH!“

Ali war so rührend: Als Premieren-Geschenk erhielt ich von ihm ein Vokabelbuch mit sämtlichen Begriffen.

Oja, und dann dieses Highlight: Aus dem Nordbayerischen Kurier, 23. Mai 2011:
Eigentlich passte dieser Beginn wie geplant zu dem Musical „Hilfe, wir machen Urlaub“; verspricht doch schon das Programmheft, dass es „eine Reise ins Chaos“ wird. Wegen Regens mussten Ensemble und Publikum spontan umbuchen. Doch so leicht lassen sich erfahrene Reiseleiter und Animateure – pardon: Musicaldarsteller und Schauspieler – nicht aus der Fassung bringen. In einer Blitzaktion bauten sie zusammen mit den beiden Technikern des Theatersommers die gesamte Bühne auf dem Marienplatz ab und in St. Gangolf wieder auf, begleitet, beobachtet und beklatscht von dem stetig in den kleinen Raum strömenden Publikum. Statt auf dem weitläufigen Marienplatz drängten sich die Mitreisenden somit im komplett überfüllten Kulturzentrum St. Gangolf. Und mit nur wenig Verspätung traten die beiden Herren, die eben noch mit Akkuschrauber den Bühnenaufbau sicherten, und die beiden Requisiten schleppenden Damen, als ob nichts gewesen wäre, vor den blauseidenen Bühnenvorhang und nahmen die Zuschauer mit auf die schwungvolle und witzige Reise voller Urlaubspannen, Pauschaltouristen-Déjà-vu-Situationen und bedachten die Crew dankbar mit viel Zwischen- und langem Schlussapplaus.“

 

„Love Letters“

von A.R. Gurney, mit Christiane Reichert und mir; Regie: Jan Burdinski

 

2010

„Ich liebe dich, du bist perfekt, jetzt ändere dich!“

Eine bunte Szenenfolge über die Irrungen und Wirrungen des Liebesleben

Mit Christiane Reichert (auch Regie), Jenny Knoop (2010), Diana Barth (2011), Alexander Voss und ich sangen, spielten und tanzten uns durch über 50 Rollen.
Buch und Liedertexte von Joe DiPietro, Musik von Jimmy Roberts.

Ein paar Erinnerungen:

Kann man sich vorstellen, welche Muffe man als Schauspieler hat, wenn man als solcher keinerlei Erfahrung mit Musicals hat, diese nicht einmal wirklich mag, zwar einen Ton treffen und halten, aber keine Noten lesen kann, tanzt wie eine Kuh nach dem Melken, und sich dann mit der Aufgabe konfrontiert sieht, ein Musical zu bewältigen, während die Kollegen allesamt eine abgeschlossene Gesangsausbildung vorweisen können? – Da man mir allerdings statt Noten auch genauso gut Hieroglyphen geben kann, blieb mir nichts anderes übrig, als mir meine Gesangspassagen von einer (englischsprachigen) Aufnahme abzuhören und dann in Deutsch umzusetzen. Die erste Probe war ernüchternd und ermunternd zugleich: „Okay, du zwar nicht die Stimme, die du singen solltest, aber was du singst, ist immerhin richtig.“

Bei den Proben hatte ich meine Verzweiflungsmomente, aber letztendlich wurde mir Welpenschutz gewährt und es funktionierte, indem meine anderen Kollegen ‚um mich herum‘ sangen. Letztendlich fühlte mich in dem Stück wohl. „Ich liebe dich …“ ist ein wirklich wunderschönes Musical mit Szenen, die so ziemlich jeder kennt und drum umso komischer sind. Es wurde ein hübscher Erfolg und etablierte nicht nur erstmals ein Musical innerhalb des Theatersommers, sondern meinen Mut, meiner Stimme mehr zuzutrauen.

 

„Über allem Zauber Liebe“

von Calderón de la Barca
Eine zauberhafte Geschichte um und über die Liebe zwischen Zirce und Odysseus, mit viel Donner und Getöse, mit Verwandlungen und Entzauberung. Das Stück spielte ausschließlich auf der Romantikbühne in Bad Berneck.

Ein paar Erinnerungen:

Da war Philipp, der den Florus spielte: Ein Kerlchen mit einem faszinierenden Allgemeinwissen. Wir redeten häufig in Filmzitat-Dialogen miteinander, die sonst kein Mensch verstand. Er choreografierte auch die Schwertkämpfe. – Oder Heiner (Timantes): Ein alter Bundeswehroffizier mit zackiger Stimme und Zwirbelschnäuzer, der auch in dem Stück quasi meinen Ersten Offizier spielte. Ich fand es amüsant, dass ein Oberst a.D. auf die Befehle eines Obergefreiten a.D. parieren musste. – Oder Lars, der den Clarin spielte und als solcher in einen Affen verwandelt wurde. Während der Proben übte ich mit ihm ein paar Bewegungsabläufe und kurz vor der Premiere jagte er uns einen enormen Schreck ein, als er durch einen unbeabsichtigten Schubser von der Probebühne fiel und zwischen Tische und Stühle krachte. Er zog sich zum Glück ‚nur‘ ein paar Prellungen zu. – Oder Franz, ein Charmeur der alten Schule, der keine Gelegenheit für (alles andere als verhaltene) Anmachen ungenutzt ließ. Einmal stutzte ich ihn sanft zurecht, als er um Jenny herum scharwenzelte. Für alle gut hörbar rief ich ihm zu: „Hey, Antistes! Finger weg von meiner Circe!“

Wir spielten ohne Mikro-Verstärkung. Wohlbemerkt: Auf einer Freilichtbühne! Befand man sich an der Ruinenmauer oder auf einem der Pfade im Berg musste die Stimme bis zu den hinteren Zuschauern eine Distanz von circa 40 Metern überbrücken. – Man brülle dann mal romantisch: „ICH LIEBE DICH!“

Am Anfang waren Jenny und ich richtige Kuss-Schisser. Mit hochroten Köpfen haben wir die Szene so schnell wie möglich abproben wollen. Aber irgendwann, so 2 Wochen vor der Premiere: „Du-hu, können wir an der Stelle nicht länger? Und in dem Dialog danach, da könnten wir doch auch, ginge das?“ – Kurz vor einer dieser Kussszene war ein Bühnenkampf und ich völlig außer Puste. Und da waren Stufen auf dem Weg zum Liebeslager, zu dem ich Jenny als meine Circe tragen musste! Und ich spielte ohne Brille! Wir raunten wir uns eher unromantische Worte zu: ‚Lässt du mich fallen, ist was los.‘ – ‚Die Lachnummer wär‘s mir wert.‘ Oder: ‚Wieso schwitzt du denn?‘ – ‚Klappe!‘ – ‚Wird’s denn gehn, mein griechischer Held?‘ – ‚Klappe, sag ich!‘

Recht witzig (im Nachhinein) auch noch diese Begebenheit: Wir spielten unsere Liebesszene, ließen uns, wie geprobt, auf unsrer Liebesstatt nieder, das Licht erlosch, Musikeinsatz, Licht wieder an und die Handlung sollte weitergehen. Ging sie auch … nur nicht mit unserer Szene ‚am nächsten Morgen‘, sondern mit der übernächsten, in der die ‘Gefährten im Publikum‘ diskutierten. Unsere Szene war komplett vergessen worden. Aber wir lagen immer noch auf der Bühne rum, vor der wir eigentlich längst hätten weg sein sollen!! Heimliches Geflüster im Liebesbett: “Mist.“ – „Wassnulos?” – “Lass uns abhauen.” – “Vielleicht merkt man es ja noch?” – “Nö, die quatschen da hinten weiter.” – “Wasmachnwirnjetz?” – “Los, wir kuscheln uns weg.” – Wir schwebten also toootaaal verliebt von der Bühne, um dahinter sofort loszuspurten, ein Textbuch zu zücken und mit den hinter den Kulissen Stehenden Mitspielern nach einer Stelle zu suchen, an der wir die verlorene Szene (die nicht gerade unwichtig war) noch einschieben konnten. Wir fanden eine Stelle und schwebten wieder toootaaal verliebt auf die Bühne, improvisierten den Einstieg (Knutscherei, was sonst?) und danach ging es weiter nach Skript. – Den voreiligen Gefährten war es furchtbar peinlich. Aber Hey, kann jedem passieren; wird als Anekdote verbucht.