Kurzgeschichten

Hier einige Texte, die ich nun erstmals als Audiodatei auf VeithsTanz laden kann, damit ihr auch was auf die Ohren bekommt. 

Allesamt habe ich einst – es dürfte in den frühen Jahren des 00-Jahrzehnts gewesen sein – mit (und bei) meinem damaligen „Tja“-Kollegen Birger Nießen eingelesen und er hat ganz großartige kleine Musik-Perlen dazu eingespielt. Zusammengestellt haben wir das ganze zu einer Hörbuch-CD mit dem Titel „Wie gesagt: Kennst du das?“ (Mein erster selbst zusammengeschusterter Erzählband hier „Kennst du das?“ und dies war das dazugehörige Hörbuch, soviel zur Titelerklärung.) Die CDs waren schnell und sind weiterhin vergriffen, was keine Kunst war, denn sie waren allesamt nicht gepresst, sondern gebrannt und steckten in einem Slim-Case. Ich glaube, der einfarbige Druck des Covers auf Elefantenhautpapier war das Teuerste an der Produktion. Wie auch immer, es war ein mit allen verfügbaren Mitteln gefertigtes, hier und da zwar dilettantisches (wenn ich heute meine Lese-Zauderer heraushöre!), aber dennoch oder gerade deshalb liebenswertes  Kleinod.

Ich kann es so nicht auf den Markt schicken. (Zumal meine Stimme, wie ich beim Durchhören bemerkte, inzwischen um einiges älter … oder sagen wir: sonorer geworden ist.) Aber als kleine Vorlesung kann ich sie euch hier schenken. Drum lehnt euch zurück und lauscht euch durch:

Weiß-grauer Marmor

Meinetwegen

Signo blau

Der Tresenpoet

Die Änderung

Das Hochzeitsgeschenk

 

2003 nahm ich am Erzählwettbewerb des Hörbuchverlages teil. Da es eine Vorentscheidung in den verschiedensten Städten gab, konnte ich mich danach quasi offiziell als Bester Erzähler Dortmunds bezeichnen, aber beim Finale im Spiegelzelt in München, das auch aufgezeichnet wurde, belegte ich nur einen Mittelfeldplatz. Allerdings habe ich mich auch ein paar Male verlesen, was meiner Nervosität zuzuschreiben war. Wie auch immer; hier mein Beitrag an dem Abend:

Passt nicht!

 

Hier noch drei kleine Texte, einen veröffentlichten und zwei, die ich einst in meiner Solo-Poetry-Jam „VeithsTanz verwendet habe.

Kinderteller

„Als Kind versuchte ich strukturiert zu essen. Speisen, die ich nicht mochte, aber aufessen musste, waren mir ein alltägliches Gräuel. Diese pädagogischen Rituale fingen erst sehr harmlos an. Zuerst wurde strahlende Sonne für den nächsten Tag versprochen. Mir blieb schleierhaft, was es mit diesen Wetter beschwörenden Fressopfern auf sich hatte. Ich kann mich im nachhinein nicht daran erinnern, ob es sich auch nur ein Mal gelohnt hat. Wenn sich dieses fadenscheinige Versprechen als kein ausreichendes Argument erwies, gingen meine Eltern dazu über, jeden einzelnen Bissen einem Verwandten zu widmen, was höchst unappetitlich war, wenn ich diesen nicht leiden konnte. – Irgendwann war ich es leid. Ich ergab mich meinem Schicksal und versuchte, das Beste daraus zu machen.

Und so entwickelte ich die Methode, was ich nicht mochte, als erstes zu essen, um mir die Leckerbissen, die zwischen dem Ekel durchaus vorhanden waren, für den Schluss aufzuheben.

Ich würgte Spargel hinunter, stets in der bangen Befürchtung, er könne auf dem Weg nach unten mein Rachenzäpfchen erdrosseln. Wie Urwaldlianen schlängelten sich die Glitschdinger in meiner Speiseröhre hinab, notdürftig beschmiert mit Sauce Hollandaise, die liebevoll „Schmecklecker-Soße“ genannt wurde, was mich immer argwöhnisch machte. Mama neigte dazu, beim Kochen ein bisschen vor sich hin zu träumen. Ihre Auffassungen von Prise, Schuss und Messerspitze war daher sehr wankelmütig. Der „Spritzer“ Zitronensaft zog in mir zusammen, was sich zusammenziehen ließ. – Aber neben dem unsorgsam geschälten Spelzengemüse lag der köstliche, rosarote, pfannengeröstete Lachs aus dem Aldi auf dem Teller.

Oder Rosenkohl. Trotz des schönen Namens raspelte er mir bitter die Zunge entlang. Ich gab mir enorme Mühe, das empfindliche Sinnesorgan nicht zu streifen, da diese Berührung den Würgreiz zu sehr herausforderte. Die verhassten Kohlknäueln mussten die Farbe der missglückten Mischversuche in meinem Malkasten nicht scheuen. Allein bei dem Gedanken an das unumgängliche Schlucken unter Mamas Ungehorsam-feindlichen Blicken verbogen sich mir die Mageninnenwände. – Die leckeren Kartoffelpuffer und das Schnitzel mit der Parniermehlhaut aber hielt ich peinlich penibel von dem Gemüsesud fern. Nichts war schlimmer, als die goldbraunen Röstkartoffeln in der verkochten Grünton-Pfütze dümpeln zu sehen.

Oder Möhreneintopf. Diese eingestampfte Pampe mit verkochten Kartoffelbrocken. Das Gerücht, aus ihnen und nichts anderem würden auch jene herrlichen Kartoffelpuffer gefertigt, war eins der großen Mysterien meiner Kindertage. Ich konnte der Einverleibung dieses Breis nur dann ein wenig Spaß abringen, wenn ich ihn so essen durfte, wie ich wollte. Nämlich in Mustern. – Wenn mir Nahrung schon nicht schmeckte, sollte sie mich wenigstens unterhalten.

Ich formte kunstvolle Windrosen in die Matsche. Und kleine Landschaften, Labyrinthe und lustige Möhrenschattenrisse, denen ihre Ekel-Konsistenz scheinbar nichts ausmachte. Ich aß sie zu Gesichtern und Figuren, die mir in meiner Phantasie lebensecht erschienen und mich zu ihrem Verzehr noch freundlich aufforderten.

Also balancierte ich die Gabel so weit es ging, ganz hinten in meinen Mund hinein, mit zusammengekniffenen Augen und tief an den Unterkiefer geduckter Zunge, um nichts was schmecken konnte, meine Bilder auf der Gabel vernaschen zu lassen. Diese phantastischen Gebilde wollte ich in mir aufnehmen, in mich hineinfüttern, damit sie für immer in mir blieben. Die Bilder wohlbemerkt – nicht das, woraus sie bestanden. Die Vorstellung einer kleinen Speisengalerie in meinem Innern, einer Art Buffet-Vernissage, bei der aller Ekel eine freundliche, kunstvolle Form erhielt, erweckte in mir eine Euphorie, die mich alles Übel dieser Karotin-strotzenden, gut-für-die-Augen-seienden Wurzeln vergessen ließ. Bis Papas Knurren mich aufforderte, anständig zu essen, wie jeder normale Mensch auch, und das brisante Timbre seiner Stimme nach der fünften Ermahnung, ließ mich widerstandslos gehorchen.

Also aß ich anständig. Von mittlerweile-kalt-außen nach mundwarm-innen. Wie es sich angeblich gehörte und wie es sinnvoll war.

Und heute? Was ist heute? Wie legt man Gebilde mit Döner-Salat? Wie isst man Pizza am besten? In Streifen? Aus der Hand? Und wenn, macht es noch so viel Spaß wie früher, als man sich so köstlich Finger und Front einsauen durfte? Und was ist mit Spargel oder Kohlrabi, Rosenkohl und Wirsing oder dem allkindisch verhassten Spinat, den im Vor-Blubb-Zeitalter doch niemand wirklich mochte? Irgendwann haben mich die guten Manieren eingeholt. Wo sind sie hin, die guten alten Zeiten der Übelkeit, der Nahrungszufuhrphantasie und der Möhrenbrei-Clowngesichter, die man verspeisen konnte? Was spart man sich heute für den Schluss auf?“ fragte ich dich, die du verführerisch lächelnd neben mir lagst, zum Anbeißen nackt und von der Sommersonne braun gebraten.

„Aber wenn mir etwas wirklich schmeckte“, fügte ich grinsend hinzu, „dann leckte ich nachher sogar den Teller ab.“

Und als ich dann meinem Heißhunger auf dich nachgab und wir nicht unbedingt den Regeln entsprechend einander schmausten, aber dafür sorgten, dass es am nächsten Tags schönes Wetter gab – einmal für Opi, ein weiteres Mal für Omi, ein drittes Mal für Onkel Otto – da hauchtest du, und es klang köstlich verdorben: „Naschen zwischendurch? Ts-ts-ts. Wenn das deine Eltern wüssten.“

(Veröffentlicht in gelesener Form auf der CD ‚Premiere im Pott‘ von der Stadtakademie Bochum)

 

Ich kann Lyrik nicht ausstehen!

 

Vergiss es, Junge, ich sage nichts zu deinem Text.

Warum? Weil er mir nichts sagt. Er unterhält sich nicht mit mir. Ich habe keine Lust beim Lesen auf einen Sinn zu warten, der sich mir erst offenbart, wenn ich genügend Bierblumen gepflückt habe.

Schreib was du willst, aber verlange nicht von mir, es verstehen zu müssen, geschweige denn es gut zu finden. Für Lyrik gibt es sicherlich die ein oder andere Technik. Aber im Grunde kannst du machen, was du willst: Dein Erfolg ist nichts als Wohlgefallen.

Reime sind Pinguinkacke. Sie lassen Blumen blühen, damit sie von präpubertären Einhörnern zertrampelt werden. Ich brauche Struktur, keine Adjektive. Ganze Sätze. Subjekt-Prädikat-Objekt. Nenner unter Zählern. Sinn statt Senf. Achten vor dem Loch. Punkt statt Semikolon. Paff-Paff-Paff-Paff! Tut mir echt leid, mein Freund, aber ich kann Lyrik einfach nicht ausstehen. Ich denke mir zu viel dabei. Oder zu wenig. Oder gar nichts. Jedenfalls nicht das, was du dir möglicherweise dabei gedacht hast. Will ich auch gar nicht.

Ich habe keine Lust mehr, in Nordstadtkneipen herumzulungern und Metapherrätsel von Möchte-gern-literarischen Rebus-Zeichnern zu lösen.

Ja, ja, ich weiß, du schreibst ja bloß, weil es dir Spaß macht. Du willst den Ruhm ohne Bestseller. Scheiße! Gleich sagst du mir noch, dass man dich zwingt intellektuell zu sein.

Hey, fang jetzt bloss nicht an, mir den Sinn deiner Lyrik zu erklären. Lyrik ist meistens Un-Sinn. Gedankenverdreherei. Stimmungsgemauschel. Wortdrechselei. Absatzgestaltung, die sich anhört, als huste der Tresenpoet seinen Hirntumor aufs Papier. Deine Lyrik eingeschlossen, und sowas lasse ich mir nicht ins Gehirn drücken. Kein Mensch redet so! Würdest du es tun, dürfte man dich bald nur sehen, wenn man sich an Besuchszeiten hält.

Okay, ein Rat zur Güte. Weißt du, deinen Zeilen fehlt einfach die gewisse Stärke. Ehrlichkeit. Immer auf die Fresse, Mann! Verbalprügel! Es gibt nur eine Realität! Und sie kotzt Blut, merk es dir. Schreib aus dem Bauch und nicht aus dem Kopf. Und wenn deine Zeilen nach Blähungen klingen, dann soll das eben so sein.

Gut, schön, du hast nicht den Anspruch stark zu sein. Endlich jemand, der Schwäche zeigt, was? Elfen schubsen, hm? Herz-Schmerz-Tintensymphonie in Reim-Moll. Vergeigen und -trompeten. Herrje! Auch wenn du den Liebesakt als ‚Verschmelzung’ metaphierst: Ein Mann und eine Frau bleiben ein Mann und eine Frau. Sie ficken, Herrgott nochmal! Das Wort ist längst legitimiert. Es kommt in jedem zweiten Text vor. Verkauf mir ein Gedicht wenigstens als Minnegesang deines persönlichen Wahnsinns!

Wie du es schaffen sollst, so zu schreiben? Na, schau dich um, setz dich hin und fang an. Schreibe über den Typen, der blass, mit offenen Hosenstall und um zwei Kilo leichter von der Damentoilette kommt. Über das Mädel, dass den Eingang versperrt, weil es Gratis-Karten aussucht, statt den Stapel mitzunehmen. Denk dir aus, woher sie den Knutschfleck unterm Auge statt am Hals hat, warum der Wirt besoffen ist oder der Kaffeetrinker gähnt. Mensch, was weiß ich, denk dir aus, warum morgen Sonntag ist. Schreib nicht von deinem Leben. Schreibe um dein Leben.

Und entscheide dich um Gottes Willen für Prosa. Ich kann Lyrik nicht ausstehen. Und wehe, ich erwische dich, wenn du das eine im anderen versteckst. Ich polier’ dir die Fresse. Und darüber wirst du dann schreiben können, das schwöre ich dir.

 

Menschen

 

Menschen … Da niemand von uns normal ist, ist jeder normal anormal und fällt daher im Durchschnitt nicht auf. So kompliziert einfach ist das.

Das ist, als wohne man in einem Mehrparteienhaus, in dem die Klingelanlage defekt ist.

Oder als stecke man uns alle in einen Sack und haue einfach drauf.

 

Menschen … Wir sprechen vom Wetter, obwohl wir Regen meinen.

Wir verschlucken primitive Tiere als Delikatessen, während wir uns deren Scheiße als Schmuck um den Hals hängen.

Städte werden relative Superlative: Ihre Größe wird längst nicht mehr durch Quadratkilometer oder Einwohnerzahl definiert, sondern danach, wie viele McDonald’s-Filialen es gibt.

Tatort Grußfängerzone.

Speichelrotzpfützen vor Haltestellensitzen.

Klobrillen, mit Kondensschweiß geputzt.

Vor Metzgerläden werben lachende Pappschweine.

Im Fernsehen sagt ein alter Mann, die Ehe sei eine Einrichtung. Staatsgefängnisse auch. Er gesteht, er benutze Viagra, um nachts nicht aus dem Bett zu rollen.

Nicht der Faustschlag bringt Gefahr. Nur die würgende Umarmung.

In Bahnhöfen bitten wir einander, doch BITTE!!, ENDLICH!!             FORTFAHREN ZU DÜRFEN!

 

Menschen. – Unsere Nomen sind Adjektive.

Gott erschuf uns nach seinem Ebenbild, sagt man. (Lachen)

Als spräche das für ihn. – Eher für seinen schrägen Sinn für Humor.

Kronjuwelen der Schöpfung wollen wir genannt werden?

Ich bin für: Mütter der Porzellankisten. Väter der Klamotte.

MILCHMÄDCHEN! — KLINGELMÄNNCHEN!!

 

Menschen … Wir schreiben unsere eigene Chronique scandaleuse, dichten Betroffenheit mit fragwürdigem Stolz ab. Wir haben das Wort erfunden und irgendwann den Sinn vergessen. Was wir begreifen … ist nicht zu fassen.

Wir glauben, der Kopf sei rund, damit das Denken die Richtung ändern könne.

Wir glauben, gute Selbstgespräche setzten einen klugen Gesprächspartner voraus.

Wir glauben, eine Zigarette mit wenig Schadstoffen sei gesünder, als eine mit vielen.

Superstar ist ein ernsthafter Berufswunsch geworden.

Auf die Frage, wo ungefähr einst die Grenze zwischen Ost- und West-Deutschland verlaufen sei, ziehen einige Jugendliche einen waagerechten Strich auf der Landkarte.

Oh ja. Das ist der Quatsch, auf den wir spezialisiert sein werden.

Und Krieg? – Krieg, wird man behaupten, sei Gottes Methode, den Amerikanern Geographie zu lehren.

Die Würde des Menschen – sie ist … unfassbar.

Aber gut. Wer im Schlachthaus sitzt, sollte nicht mit Schweinen werfen.

 

23% aller Fotokopiererschäden werden erzeugt, weil Leute ihren Hintern kopieren. (Das ist wirklich wahr. Aber wer, zum Kuckuck, errechnet so was?)

Wenn Menschen niesen, können sie sich theoretisch die Rippen brechen. – Unterdrücken sie es, kann ihr Kopfgefäß platzen und die Augen ploppen ihnen raus.

Mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen verbraucht 150 Kalorien.

Wenn ein Mensch acht Jahre, sieben Monate und sechs Tage lang schreit, hat er Energie genug, seine Tasse Morgenurin zu erhitzen.

Furzt er sechs Jahre und neun Monate, reicht’s für eine Atombombe.

Aber: Gott sei Dank, kein Anschlag.

Keine Bange! trompeten die Katastrophen vor Jerichos Mauern. WIR KOMMEN NUR; UM ZU TANZEN!!!

 

Wären wir doch bloß nicht so liebenswert.

Wir hoffen darauf, wenn mal der göttliche oder interstellare Vergeltungsschlag komme, müssten wir nur große Kätzchenaugen machen und dann werde der mächtige Rächer schon sehen, wie süß wir sind. Wie im Film.

Ja, wir Menschen, wir sind einfach Großes Kino.

Blockbuster.

Dauerverbrenner.

Senkrechtentarter.

Ikarus-Enkel.

Moderaterminatoren.

Phrasenmäher.

Titanmäuschen …

… Gewohnheitstierchen.

Wir wollen so gerne größer sein. Also kürzen wir das Metermaß.

Im Grunde … wollen wir uns nur auf zu Hause freuen.

Auf ein weiches Bett, das knarren, aber nicht quietschen darf.

Auf eine Decke, in deren Bezug man sich nicht ständig mit den Füßen verheddert.

Auf einen warmen Körper neben uns.

Auf die Einschlaffunktion des Radioweckers.

Auf ein Träum was Schönes im Ohr, wenn die Augen schon geschlossen haben.

Auf eine gute Nacht.