Eulenspiegels Enkel

erschienen als Taschenbuch im OCM-Verlag …

138 Seiten, 10,- €

ISBN 978-3-942672-15-3

www.ocm-verlag.de

… und als Theaterstück:

Inhalt

Erasmus hat ein seltsames Leiden: Nachdem er in seiner Kindheit jahrelang mit Gedichten gefüttert wurde, kann er nur noch und ausschließlich in Versen sprechen. Da alle Welt glaubt, er verulke sie mit seiner lyrischen Sprache, macht er aus der Not eine Tugend: Er zieht als moderner Eulenspiegel umher und spielt Streiche. Genau wie der berühmte Narr, hält er der Gesellschaft einen Spiegel vor. Er macht vor nichts Halt und nutzt alles, was die heutige Zeit ihm bietet: Einkaufszentren, Fast-Food-Restaurants, Bundeswehr, Internet und Fernsehen. Er führt die Menschen an der Nase herum, aber auch zu manch erkenntnisreicher Einsicht.
„Ich garantiere euch: Ich bin wirklich nur der größte Fan der menschlichen Natur.“

Editoriales

Nachdem mein Wilhelm-Busch-Solo „Ein jeder Narr tut was er will“ zwei Sommer ziemlich gut beim Fränkischen Theatersommer lief und auch außerhalb von Franken und NRW seine Lorbeeren sammeln durfte, fragte mich der Intendant, Jan Burdinski, ob ich für das Folgejahr (2013) ein neues Solo entwickeln könne. – Nun, bereits verfasste Texte eines Autoren wie Busch für ein Theaterstück zu bearbeiten ist eine Sache. Aber sich ein komplett neues Stück aus dem Hirn zu wringen, gezielt als Solo, natürlich alles möglichst spannend, budget- und, ach ja, auch tour-gerecht, oh, und das bis Jahresende fertig geschrieben sein soll … das ist schon eine andere Sache. Mich reizte die Idee ein weiteres komplett gereimtes Stück zu machen. Zunächst kam da der Gedanke, dass der Protagonist wegen eines Zwanges, eines psychologischen Ticks nur noch in Versen sprechen kann. Jan war davon sofort begeistert. Doch mir reichte das noch nicht …

Etwa vier, fünf Jahre zuvor führte mich eine Kindertheater-Tournee nach Mölln. Und obwohl ich ziemlich erschöpft war, überredete mich mein Kollege Martin nach dem Auftritt noch die ‚Eulenspiegel-Stadt‘ zu besichtigen. Wie ich also (eher unwillig, da ich echt groggy war und viel lieber in die Unterkunft wollte) auf dem Kirchenhügel stand, wo sich auch die (angebliche) Ruhestätte Eulenspiegels befindet, schaute ich über die Häuser und die vielen dort montierten Parabolspiegel und kam auf den Gedanken, dass Till heute womöglich keine Schuhe auf dem Hochseil, sondern die Kabel der TV-Konsumenten verknüpfen würde, um damit heilloses Chaos zu stiften. Die Idee gefiel mir und ich besorgte mir im Museum eine Studien-/Gesamtausgabe der Eulenspiegel-Historien. Daheim verfasste ich eine Notiz und ließ sie, inklusive Buch, wie so viele Ideen und Konzepte erst mal in meiner Schreibtischschublade verschwinden. – Es ist gut, solchen Ideen Zeit zum Reifen zu gönnen … Hier ein kleiner Leckerbissen zwischendurch. Martin hat später aus der Ideenfindung ein YouTube-Filmchen gemacht.

Nun, jedenfalls kramte ich diese alte Idee aus der Schublade, las jene Studienausgabe und war verwundert, wie die Figur inzwischen kinderbuch-gerecht verklärt worden war. Andererseits gelangte zu der Überzeugung, dass es nur richtig sein konnte, den Eulenspiegel in die heutige Zeit zu verlegen, denn die fast 100 Streiche des Narren beinhalten deftigen und brutal-bösartigen (Fäkal-)Humor, der im Mittelalter womöglich wirkte, heute aber nur noch Ekel oder Schulterzucken hervorbrächte.

Ich trug weitere Fragmente zusammen, sah mir auf YouTube alles an, was der Filmchen-Speicher zu Begriffen wie Streich, Verarsche, etc. hergab und erinnerte mich an Begebenheiten aus meiner eigenen Vita. Gegen Ende der Theatersommersaison ’12 hatte ich bereits eine recht üppige Ideen-Sammlung angelegt, einen Anfang gereimt und im Kostümfundus Textilien gesammelt, die in ihrer Kombination jedes Auge quälten.

Angesichts der Menge von Stoff, die sich angehäuft hatte, lag der Gedanke nahe, die Story nicht nur als Theaterstück, sondern gleich als Buch zu schreiben. Ich dichtete also was das Zeug hielt und schaffte es tatsächlich bis Weihnachten, eine erste Fassung zu vollenden, die ich Jan, einigen Test-Lesern und dem OCM-Verlag vorlegen konnte. Die Reaktionen waren sagenhaft. Als ich mich im neuen Jahr mit Jan zur Stück-Besprechung in Franken traf, brüteten wir stundenlang und bei viel Kaffee im Wittelsbacher Hof über den circa 100 Skript-Seiten, um sie auf höchstens 60 zu kürzen; dabei lachten, vielmehr giggelten wir wie Pubertierende. Das Stück bekam schon im Vorfeld Lob von allen anderen Seiten, sowohl die Geschichte, als auch die gereimte Machart, was mich – so paradox es klingen mag – eher verunsicherte. Also organisierte ich für Anfang Februar eine (Benefiz-)Test-Lesung für die Dortmunder Obdachlosen-Zeitung BoDo, die ebenfalls enorm gute Resonanzen erntete. OCM sagte mir die Veröffentlichung im Handel zu. Wahnsinn! Erasmus Odysseus schien unaufhaltsam in Spurt zu geraten.

Ich machte mich ans Auswendiglernen. Und bemerkte, dass es weitaus schwieriger ist, sich einen selbst geschriebenen, zudem rhythmisch gereimten Text in den Kopf zu bannen, als einen vorgefertigten von einem anderen Autoren, denn ich kaute jede Zeile immer wieder durch, änderte, strich, erweiterte, bis ich endlich mit dem Text zufrieden war. In dieser Zeit traf ich mich auch mit meinen Leutchen von OCM zur Endkorrektur und brachte sie mit meinen nicht enden wollenden Änderungen (in meinen Augen natürlich Verbesserungen) schier zur Verzweiflung. Dabei wusste ich, dass der Text als Stück immer noch viel zu lang war und ich hatte keine Ahnung, wie es sinnvoll zu kürzen wäre, damit ich keine Textmasse auswendig lernen musste, die später noch dem Rotstift zum Opfer fiele.

Ende März begannen endlich die Proben mit Jan, obwohl ich mit dem Einpauken trotz selbstständiger Kürzungen immer noch nicht fertig war. Mir fehlten noch etwa 15 Seiten, die ich bei langen Spaziergängen durch die schneebedeckte Fränkische Schweiz vor mich hin brabbelte. Den ersten Akt hatten wir aber recht schnell fertig, ich strich mir mindestens 10 Seiten bereits gelernten Text wieder aus dem Kopf und irgendwann hatte ich die Fassung im Kopf, die wir als Letztendliche erachteten. An jenem Abend, als ich mir die letzten noch fehlenden Verse eintrichterte, gönnte ich mir eine gute Flasche Wein. Doch tags darauf äußerte Jan seine Meinung, dass Minas Final-Streich noch der gewisse Pfiff fehle … So muss sich ein Architekt fühlen, wenn er, obwohl das Haus kurz vorm Richtfest steht, nochmal zurück ans Reißbrett muss. Meine Güte, was habe ich geflucht! Dennoch haben wir den zweiten Akt nochmals gekürzt und um eine Passage erweitert, die ich neu schreiben und schließlich auch neu lernen musste. – Letztendlich muss ich gestehen: Es ist dadurch wirklich besser geworden. Nun war das Buch aber zu diesem Zeitpunkt bereits in Druck. Somit hat „Eulenspiegels Enkel“ die, wie ich denke, passende Eigenart, dass das Stück ein anderes Finale als das Buch hat. Und das Ende des Stückes hätte im Buch gar nicht funktioniert. Perfekt. Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. 

Rezensionen:

BODO – April 2013

‚Eulenspiegels Enkel‘ ist für die Bühne gedacht. Und das Stück tut etwas, was nicht mal mehr dort möglich erscheint: Es reimt sich. Durchgehend. Nicht gesungene Reime begegnen uns heute nicht einmal mehr in der Werbung, sondern eigentlich nur noch in Glückwunschanzeigen der Tageszeitungen. 
M. Veith denkt das zu Ende: Sein sehr gegenwärtiger Held Erasmus kann als Opfer unerbittlicher Lyrik-Erziehung nicht anders als in Versen sprechen und gilt folglich als verrückt. ‚Was sollt ich tun mit meinem Sprach-Debakel, diesem ausgesproch’nen Verständigungs-Makel? (…) Und mit Schrecken wurde ich gewahr: Ich stellte als Einziger eine Randgruppe dar. Wer in der Allgemeinheit ist in der Minderheit, ist offiziell krank und macht Schwierigkeit.‘ Erasmus nimmt die Narrenrolle an und wird ein moderner Eulenspiegel, fällt tief und landet auf der Straße und, na ja, noch tiefer und in der Politik.
Beim Vortrag und auch bei der Lektüre erinnert es gleich an die reimenden Geschichtenerfinder (Ringelnatz, Busch und Morgenstern) und an die Zeit, als Reimen noch geholfen hat, nur versetzt in Mediendemokratie und Internetzeitalter. Ein Spagat, der funktioniert und wirklich Spaß macht. Wenn ‚Eulenspiegels Enkel‘ in der Stadt ist: Gehen Sie hin! – Bastian Pütter

Innenstadt-Ostblog – Mai 2013
Was ist das Buch nun? Eine Erzählung in Gedichtform oder ein erzählendes Gedicht? Man möge Markus Veith, Schaupieler und Autor, mit Vergleichen mit großen Meistern der Lyrik wie Goethe, Rilke, Morgenstern und anderen verschonen. Denn möglicherweise wirkt es für manche Leser abschreckend. Veith macht mit seinem Buch “Eulenspiegels Enkel” Lust auf Reime und Gedichte. (…) Man muss Veith zugutehalten, dass er seine Reime mit leichter Hand schmiedet und nur wenige Kunstworte wie „zugemütet“ benutzt. Sicherlich ist es für den einen oder anderen schwer, sich in die besondere Form des Buches hineinzulesen, doch es lohnt sich, es gibt einige sehr amüsante Stellen wie beispielsweise Erasmus’ Trick mit ebay. Wie auch beim „Original“ Eulenspiegel hält uns Erasmus mittels Streichen der Gesellschaft den Spiegel vor.